Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Besitzwechsel in Blumenegg

Vorarlberg / 28.04.2014 • 18:36 Uhr

Dass die holländische Königsfamilie bereits in dritter Generation zu den treuesten Urlaubsgästen von Lech gehört, ist nicht die einzige Verbindung des Königshauses zu unserem Land. Von 1802 bis 1804 gehörte die Herrschaft Blumenegg (Bludesch, Ludesch, Thüringen und das Großwalsertal ohne Fontanella) dem späteren holländischen König Wilhelm Friedrich von Oranien-Nassau. Das war allerdings ein historischer Zufall und eine bloße Übergangslösung. Als in den napoleonischen Kriegen alle linksrheinischen Gebiete von Holland bis Basel an Frankreich fielen, wurden die betroffenen Fürstenhäuser mit einem Sammelsurium kleiner Herrschaften anderweitig entschädigt. Es lag daher nahe, dass die Herrschaft Blumenegg bald an das Haus Österreich verkauft wurde, das damit endlich die Landeseinheit Vorarlbergs abrunden konnte. Bei dieser Gelegenheit wurde auch Lindau erworben, das die Bayern dann allerdings ebenso wie Weiler im Allgäu 1814 nicht mehr an Österreich zurückgaben, weil sie sich einen Zugang zum Bodensee erhalten wollten.

1802 war die Herrschaft Blumenegg deshalb für einen Gebietstausch verfügbar, weil der Vorbesitzer – das Reichsstift Weingarten – im Zuge der Säkularisation enteignet worden war. In dessen Besitz war es gestern vor 400 Jahren, am 28. April 1614, gekommen. Maßgeblich für den Kauf, der von dem aus Bregenz stammenden Abt Georg Wegelin betrieben worden war, dürfte die Suche nach einem Zufluchtsort der Mönche für den Fall kriegerischer Auseinandersetzungen gewesen sein. Weingarten war damals eines der mächtigsten süddeutschen Klöster, das vor allem wegen seiner vom Vorarlberger Barockbaumeister Franz Beer errichteten Basilika weitum bekannt ist. Die Kirche ist nach wie vor ein Wahrzeichen Weingartens, das traditionsreiche Kloster wurde aber vor vier Jahren aufgelöst.

Der Abt von Weingarten war in Blumenegg durch einen in einem prächtigen Ansitz in Thüringen residierenden Statthalter vertreten, der um eine gründliche Verwaltung seiner Herrschaft besorgt war. Wie der Leiter unseres Landesarchivs, Dr. Niederstätter, dokumentiert hat, war dem Stift Weingarten natürlich auch der Lebenswandel der Blumenegger ein Anliegen. Das sonntägliche Zusammensitzen, um zu zechen, wurde zur Vermeidung von Trunkenheit und Unehrbarkeit bei Strafe untersagt und der Ausschank von Schnaps kontingentiert. Da war die Bevölkerung vermutlich froh, zunächst an einen weit entfernten Fürsten und dann an Österreich zu kommen.

juergen.weiss@vorarlbergernachrichten.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.
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