Rheini speist heut’ in Sevilla

Ein Rheintaler Storch hilft mit, das veränderte Zugverhalten der Vögel aufzuklären.
Schwarzach. Er hat überlebt. Von den Störchen, die im Rheintal vergangenes Jahr aus den Eiern schlüpften, könnte Rheini gar der einzige sein, der noch seine Kreise zieht. „Das vergangene Brutjahr war eine Katastrophe.“ Aber Reto Zingg schaut vorwärts. Er ist Präsident des Vereins Rheintaler Storch. Der Verein zählt 500 Mitglieder und hat 2013 jenen Datenlogger gesponsert, der Rheini am 25. Juni 2013 in Saxerriet auf den Rücken gebunden wurde.
Nichts bleibt verborgen
Deshalb weiß der Rheintaler Storchenvater auch, dass Rheini bis zum 15. August 2013 im Saxerried blieb, sich dann zu einem kurzen Ausflug nach Vaduz aufschwang, um sich dann am 30. August Richtung Zürich aufzumachen. Am 1. September segelt Rheini auf der Höhe von Lyon über französischem Boden, am 2. September ist er nahe Narbonne, wo er sich an einer Mülldeponie gütlich tut. Alle 20 Minuten verrät der Sender über das Handynetz den Aufenthaltsort des Vogels. Reto Zingg weiß, ob das Tier gerade fliegt, frisst oder schläft. Gestern war Rheini, der den Jahreswechsel im marokkanischen Kenitra verbracht hat, nahe Sevilla zugange. Dass er heuer hierzulande nicht erwartet wird, hat schon seine Richtigkeit. „Jungvögel kehren im ersten Jahr in der Regel nicht zurück.“
Rheini ist, ohne sich dessen bewusst zu sein, Datenträger im schweizerischen Projekt „SOS Storch“. Schon 2001 fand das große Satellitentelemetrie-Projekt heraus, dass gut die Hälfte der etwa 1000 in der Schweiz heimischen Weißstörche im Herbst nicht mehr nach Afrika zieht, sondern in Spanien hängenbleibt. Warum das so ist, wollen die Wissenschaftler klären. Rheinis Speiseplan der vergangenen Wochen könnte die Lösung beinhalten: Die Storchenpopulation hat sich in Spanien in 30 Jahren auf 60.000 Brutpaare verzehnfacht. Auf den großen, offenen Mülldeponien finden die Vögel reichlich Nahrung. Das ist nicht unproblematisch. Das Futter ist alles andere als bekömmlich. Brachte der Klapperstorch in alten Mythen noch die Babys, so bringt er heute mitunter Krankheiten aus dem Süden mit. Aber nach EU-Vorgaben müssen Spaniens offene Deponien bis 2016 saniert werden. Dann versiegt die Nahrungsquelle. Vielleicht ziehen die Störche dann ja wieder bis ins Nigerdelta.
Zählung 2014
Wie viele Störche es sich heuer im Frühjahr im Rheintal bequem gemacht haben, wird Reto Zingg kommende Woche zählen. Weil sie heuer deutlich früher zurückkamen, dürfte ihre Brut mit der Schafskälte im Juni fertig werden. „Vergangenes Jahr hatten die Jungvögel noch kein Federkleid.“ Die meisten sind verendet. „Nur sieben flogen aus“, erinnert sich Zingg. Auch von dieser kleinen Schar dürfte bis auf Rheini keiner mehr am Leben sein. Ob er jemals nach Saxerriet zurückkehren wird? „Frühestens 2015“, sagt Zingg, während Rheini sich laut Datenlogger eben wieder in die Lüfte schwingt.
Jungvögel kommen im ersten Jahr in der Regel nicht zurück.
Reto Zingg
