Dem See auf den Grund gegangen

Genaueste Vermessung des Bodensees aller Zeiten offenbart ein sensibles Ökosystem.
Hohenems. (VN-tm) Wenn Martin Wessels von 13,5 Millionen Navigationspunkten und einer Milliarde Tiefeninformationen erzählt, von 2928 Vermessungslinien und 5550 Kilometern Wegstrecke, dann ist das nur die halbe Miete. In dieser Intensität hat das Forschungsschiff „Kormoran“ des Instituts für Seenforschung, das Wessel leitet, den Bodensee neu vermessen. Zwischen 250 Metern und fünf Metern Tiefe blieb dem Echolot nichts verborgen. Und der Rest? Die Flachwasserzone war bislang das große Problemkind. Aber Frank Steinbacher hat es bewältigt. Der Chef der AirborneHydroMapping GmbH hat an der Universität Innsbruck seinen Doktor gemacht. Dabei hat er eine neue Methode vorgestellt, um vom Flugzeug aus mit einem Laser bis in neun Meter Wassertiefe zu gelangen. „So waren wir zum ersten Mal in der Lage, einen nahtlosen Übergang zwischen den Tiefenmessungen und dem Flachwasserbereich und Ufer herzustellen.“ In nur vier Tagen hat Steinbacher so viele Daten zusammengetragen wie nie zuvor: Das neue 3D-Modell des Seebeckens wird in einer Datendichte erstellt, die bis zu 1000-fach höher ist als bei der Vermessung im Jahr 1990.
NASA lässt grüßen
Warum macht man sowas? Nur damit die Forscher etwas zu tüfteln haben? Kaum. Jetzt, da drei Viertel des Bodensees erfasst sind, liegen vier Terrabyte an Laserscandaten vor. Es werden noch 800 Gigabyte hinzukommen. Die Software, mit der Wessels, Steinbacher & Co das dreidimensionale Modell des Bodensees erstellen, verwenden Astronomen für die Modellierung von Galaxien. Solchen Aufwand treibt niemand zum Spaß. Erste Ergebnisse lassen aufhorchen.
Grundwassereinträge
Das sogenannte „Hydromapping“ erzeugt in jeder Sekunde eine halbe Million Messwerte und stellt zugleich hochauflösende digitale Luftaufnahmen her. Eine Wärmebildkamera an Bord hat selbst geringfügigste Temperaturunterschiede im Gewässer und am Ufer dokumentiert.
Weil sechs Mitarbeiter noch vier Monate mit der Datenaufarbeitung befasst sind, lässt Wessels nur ein paar Highlights aufblitzen. Wasseraustritte am Seegrund, die niemand vermutet hätte, erzählen beredt davon, wie stark Bodensee und Grundwasser miteinander kommunizieren. Von wegen Schiefergasförderung mittels Fracking auch nur in der Nähe des Bodensees! Gewaltige Berg- und Talstrukturen unter Wasser verraten unter anderem, ob ein Gletscher, der hier einmal war, sich langsam zurückgezogen hat oder kollabiert ist.
Die Temperaturunterschiede im Flachwasser sagen viel darüber aus, welche Auswirkungen kühlere Einträge durch Flüsse haben. Stichwort Achkraftwerk: Dort helfen die Messungen der Experten, die geplante Ausleitung des Bregenzerachwassers in der Bregenzer Bucht richtig zu positionieren. Fazit: die 612.000 Euro sind gut investiert. Die EU bezahlt übrigens die Hälfte.
See und Grundwasser kommunizieren erstaunlich stark.
Martin Wessels