„Wir brauchen mutige Ideen“

Kurz vor Ende seiner Amtszeit bringt sich der Indio-Bischof vom Amazonas in Rom ein.
Koblach. Das Eröffnungsspiel der Fußball-WM schaut er sich in Koblach im Fernsehen an. Am 16. Juni kehrt Bischof Erwin Kräutler nach Brasilien zurück: Einerseits, um mutige Wege der Kirche mitzugestalten. Andererseits bereitet er sich auf ungewohntes Terrain vor: Die Pension. Geht das denn überhaupt?
Nur noch 14 Tage, dann regiert König Fußball in Brasilien. Gar kein Grund zur Freude?
Kräutler: Fußball ist jedes Mal ein Grund zur Freude. Aber wie das vorbereitet wurde, wie Brasilien unter Druck gesetzt wurde von der FIFA, das geht nicht. Die Leute kritisieren die staatliche Unterwürfigkeit, dass man Milliarden Euros in Stadien steckt, die nachher nicht ausgelastet sein werden. In Brasilia oder in Manaus etwa gibt es nicht diese Fußballtradition wie in Sao Paolo.
Werden die Brasilianer überhaupt Freude zeigen?
Kräutler: Die Freude am Fußball wird nicht vergehen. Hier hat ja jeder seine Mannschaft. Ich habe meine in Belem, sie heißt „Paissandu“. Aber die Freude über die WM hält sich in Grenzen. Ein Stadion abreißen, um ein neues zu bauen, das FIFA-tauglich ist, da sagen die Leute: Wir wollen FIFA-Standards in Spitälern, Bildung und im Transport.
Der 12. Juli 2014 ist Ihr 75. Geburtstag. Sie werden dem Papst gemäß Kirchenrecht Ihren Rücktritt anbieten. Soll er annehmen? Oder Sie einfach verlängern wie z. B. Bischof Kapellari in Graz? Man darf sich ja was wünschen.
Kräutler: Da bin ich vollkommen neutral. Das heißt aber nicht, dass ich weg bin am 12. Juli. Es wird nicht sehr einfach sein, einen Nachfolger zu finden.
Sie arbeiten im Auftrag der Bischofskonferenz derzeit einen Plan aus, um Ihre Diözese am Xingu in drei Nachfolgediözesen zu teilen. Das macht die Zahl der zur Verfügung stehenden Priester auch nicht größer. Welche Rolle kommt künftig den Laien zu?
Kräutler: Für mich war es in 34 Jahren das tägliche Brot, riesige Distanzen zu überwinden. Anfangs hatten wir am Xingu 40.000 Einwohner, heute sind es beinahe 700.000 Leute. Das kann ich meinem Nachfolger nicht zumuten, deshalb die Dreiteilung. Die Rolle der Laien wird sich nicht ändern. Sie tragen Verantwortung für die kleinen Gemeinden. Wir haben etwa 800 davon. Der Nuntius denkt sich das wahrscheinlich so, dass er einen Orden beauftragen wird mit der priesterlichen Seelsorge. In Brasilien ginge das schon. Jetzt geht es ja auch irgendwie. Am Oberlauf des Xingu hab ich sieben Priester. Schon wenn man zehn oder 15 hätte, wäre das ein Erfolg.
Eine Handvoll Priester betreut Hunderte Gemeinden. Warum dürfen Laien eigentlich nicht selbstständig Eucharistie feiern, wenn sie mitunter fast ein Jahr lang auf einen Priester warten müssen?
Kräutler: 90 Prozent der Gemeinden haben keine regelmäßige Eucharistiefeier. Aber dass Laien Eucharistie feiern, das geht nicht. Das ist eigenmächtig. Damit stellen sie sich außerhalb der Gemeinschaft. Bischof Manfred Scheuer hat das absolut richtig gemacht (Exkommunikation der Vorsitzenden von „Wir sind Kirche“, Anm. der Redaktion). Diese privaten Eucharistiefeiern waren eine Provokation, ein absoluter Unsinn. Du kannst dich ja auch nicht selber zum Arzt machen. In unserer Kirche bekommst du eine Beauftragung. Das gehört seit 2000 Jahren dazu. Der Papst sagt: Die Bischöfe mögen mutige Vorschläge machen.
Und wie lautet Ihr mutiger Vorschlag?
Kräutler: Nach meiner Audienz beim Papst werden wir nun beim nächsten ständigen Rat der brasilianischen Bischofskonferenz eine Kommission dazu einrichten. Ich kann heute nicht sagen, dass wir übermorgen bereits verheiratete Priester haben werden. Es geht um die Frage: Welche Antwort geben wir den Gemeinden, die ein Recht auf Eucharistie haben? Da gibt es viele Thesen: Der südafrikanische Bischof Fritz Lobinger etwa spricht von Gemeinde-Ältesten, die eine Ordination erhalten könnten.
In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, Ihre zweite Bischofsweihe hätten Sie erhalten, als Polizisten Sie am 1. Juni 1983 zusammenschlugen und das Volk rief: „Lasst ihn los, er ist unser Bischof!“ Wie muss ein Bischof sein, um seiner Rolle gerecht zu werden?
Kräutler: Er muss vom Volk akzeptiert sein. Da haben wir eh ein Glück in Feldkirch. Der Bischof muss seine Positionen vertreten. Es muss stimmen mit Priestern und Ordensleuten. Und die Kollegialität mit Bischöfen und Papst muss gegeben sein.
Sie sind in Ihrem 75. Lebensjahr längst zu einer Ikone geworden. Eine Art Superstar der Entrechteten. Welche Gefahren birgt so viel Popularität?
Kräutler: Das hab ich noch nie so richtig überlegt. Ich hab das ja nie gewollt. Die Popularität kommt, weil man sich für etwas einsetzt. Dann kommst du in die Zeitung. Als ich damals niedergeschlagen wurde, ist das quer durch den Blätterwald gegangen. Ich habe Position bezogen, weil ich nicht anders konnte. In der Folge wirst du populär. Wenn ich in Österreich geblieben wäre, wäre das vielleicht auch anders gelaufen.
Auch der katholischen Kirche ist in Papst Franziskus so ein Superstar erwachsen. Jede seiner Gesten wird medial verfolgt. Auf die Inhalte achten wenige. Werden da eines Tages Illusionen zerplatzen?
Kräutler: Das glaub’ ich nicht. Ich kenne den Papst. Ich war drei Tage im Haus Santa Martha und hatte eine lange Privataudienz. Franziskus ist authentisch. Der hat sich kein Lächeln aufgesetzt. Wie er sich gibt, wie er selber zum Buffet geht, dich zur Tür begleitet, das ist alles echt. Was er sagt, hat Sinn. Der schwebt nicht irgendwo in den Wolken. Er predigt so, dass es jeder versteht. Er spricht sehr viel von der Barmherzigkeit. Das ist grundbiblisch. Der ist kein Showman. Er fragt nach im Gespräch: Was denkst du drüber? „Parrhesia“ ist eines seiner Lieblingsworte, es wird mit Freimut übersetzt, Kühnheit. Wir müssen Licht sein. Überzeugt sein. Uns einsetzen. Was freilich Glaubens- und Sittenlehre betrifft, kann man sich keine Änderungen erwarten. Der Papst wird nie sagen: Die Ehe ist auflöslich. Aber es gibt Fälle, in denen Ehen schiefgegangen sind. Das ist Realität. Wir wollen diese Leute trotzdem einbeziehen.
Wie gehen Sie mit Scheitern um? Angetreten sind Sie ja, um das riesenhafte Kraftwerk Belo Monte zu verhindern. Jetzt ist Belo Monte Realität.
Kräutler: Mich hat das bis jetzt nicht gelähmt. Der Plan A war: Belo Monte darf nicht kommen. Ich hatte anfangs Hoffnung. Aber dann bin ich draufgekommen, dass der Präsident mich angelogen hat. Da bin ich sehr skeptisch geworden. Heute lautet der Plan B Schadensbegrenzung. Wir stehen auf der Seite der 40.000 Menschen, die betroffen sind. Wir haben heute schon viel Elend verhindert.
Haben Sie Angst vor der Zukunft?
Kräutler: Nein, um Gottes Willen. Angst gehört zwar dazu. Aber ich halte das aus, weil ich weiß, dass ich nicht alleine bin.
Sie sind nur drei Monate im Jahr in Altamira und sonst immer unterwegs. Auch Ihre Pläne für die Pension sind auf Reisen aufgebaut. Hat der Bischof von Altamira kein Zuhause?
Kräutler: Ich bin dort daheim, wo ich merke, dass die Leute mich schätzen. Das ist keine rein geografische Angelegenheit. Heimat ist, wo man sich angenommen fühlt.
Haben Sie es nie vermisst, nicht geheiratet zu haben? Sie hätten jetzt vielleicht Kinder, Enkelkinder?
Kräutler: Ein Thema war das auch. Zurückblickend auf das, was ich leisten durfte, sage ich: Das wäre mit Frau und Kind nie gegangen. In der Jugend und als Theologe musste ich diese Entscheidung fällen. Später war ich froh: Spätestens, wenn du bedroht wirst, musst du die Option für die Familie wählen. Das musste ich nicht.
Was soll von Bischof Kräutler bleiben, wenn Sie einmal nicht mehr in der Öffentlichkeit stehen?
Kräutler: Die Anliegen sollen weitergehen, die Rechte der indigenen Völker, die Ökologie, die Mitwelt. Ich bin nur einer. Aber das Anliegen ist ein planetares Anliegen.
Die Leute sagen: Wir wollen FIFA-Standards in Spitälern, bei der Bildung und im Transport.
Erwin Kräutler


Erwin Kräutler, Mein Leben für
Amazonien, 232 Seiten, Tyrolia-Verlag, ISBN 978-3-7022-3387-7; Preis 22,95 Euro
Auch als E-Book erhältlich: ISBN 978-3-7022-3388-4, 19,99