“Es ist einfach nur furchtbar”

Vorarlberg / 09.07.2014 • 21:23 Uhr
Jemand hat am Tatort eine Kerze angezündet.   
Jemand hat am Tatort eine Kerze angezündet.   

Wie ein Fluch hat sich ein Verbrechen über Gaißau und ein einst schönes Fest gelegt.

Gaissau. Dass am Rande eines großen Festes in Gaißau am Wochenende eine 20 Jahre alte Harderin brutal vergewaltigt wurde, lässt niemanden kalt. „So etwas hört man nur aus Großstädten“, sagt Bürgermeister Reinhold Eberle, „das erschüttert die ganze Region.“ Drei Tage nach der Tat ist das Opfer noch immer nicht vernehmungsfähig.

In Gaißau bauen freiwillige Helfer am Abend Zelt, Bühne, Bar und Absperrung von „Georgs Fäscht“ ab. Keine 50 Meter entfernt, am Tatort, hat jemand eine Kerze angezündet. Das große alte Haus steht leer. Autofahrer wenden ihre Köpfe. Aber man sieht nur bröckelnden Putz und eine zerfranste Markise.

Georg Fessler (42) und seine Frau Manuela (42) erinnern sich. Das 24. „Georgs Fäscht“ stand unter keinem guten Stern. Die Austria Lustenau erwartete zu Freundschaftsspiel und 100-Jahr-Feier ein volles Reichshofstadion. In Alberschwende füllte das Feuerwehrfest ein gigantisches Zelt. „Und es hat bis zum Abend geregnet“, sagt Georg. „Dennoch wollten wir unser Fest durchziehen.“ Es hat ja Tradition. Er und Kollegen hatten vor 24 Jahren gewettet. „Ich war damals schwanger“, erzählt Manuela. Würde es ein Bub, sollte Georg ein Fest ausrichten. So kam es auch. „Mit ein paar Kisten Bier und Grillwürsten fing es an.“ Mittlerweile ist das Fest berühmt. Heuer sorgte die Partyband Face für Stimmung.

Zu Hochzeiten feierten auch schon 2000 Partygäste bis in die Morgenstunden. Heuer kamen etwa 1200 Besucher. 20 Securities patrouillierten jeweils zu zweit durch die Menge. „Sie hatten ein paar Aufgriffe“, auch wegen Drogen. Die Verdächtigen wurden der Polizei übergeben. Es war ein friedliches Fest, das betonen alle. Selbst der Gaißauer Diakon Rikard Toplek (39) genoss es bis etwa 1 Uhr früh. „Die Stimmung war ausgezeichnet.“ Ein 600 Meter langer Bauzaun sorgte dafür, dass ungebetene Gäste draußen blieben. Einen ganzen Autobus voller betrunkener Augsburger Fußballfans hielt er freilich nicht ab. In Lustenau war es zu schweren Ausschreitungen und 24 Festnahmen gekommen. Die Augsburger wollten die Nacht in Gaißau ausklingen lassen. Dennoch: Manuela Fessler, die an der Bar Dienst tat, und Georg betonen unisono mit der Polizei, dass es beim „Fäscht“ ruhig blieb.

Allerdings nicht in der Nachbarschaft. Der Tatort der Vergewaltigung liegt der Zufahrt zum Festparkplatz vis-à-vis. „Um drei Uhr früh war hier Vollbetrieb.“ Die Musik hatte eben aufgehört. Sechs, sieben Taxis am Eingangsbereich waren voll gebucht. An der Bar standen noch 300 bis 400 Leute. „Alles strömte nach Hause“, sagt Manuela. Und ihr Weg führte fast alle ausnahmslos unmittelbar an jenem Haus vorbei, in dessen Vorgarten gerade eine junge Frau geschlagen und vergewaltigt wurde. Niemand hat es bemerkt.

Hoffentlich ein Fremder

„Wir hoffen nur, dass die junge Frau rasch Aussagen machen kann“, sagt Manuela Fessler und fügt leise hinzu: „Hoffentlich war es niemand aus dem Dorf.“ Auch Bürgermeister und Diakon bekräftigen, dass „unsere ganze Solidarität jetzt der Familie und dem Opfer gehört“. Toplek hat Theologie und Psychotherapie studiert. Er formuliert die Frage, die so bleischwer über der 1800-Einwohner-Gemeinde lastet: „Was kann das nur für ein Menschen sein, der zu so viel Wut und Aggression fähig ist?“ Toplek hat selber zwei Kinder. Benjamin (4) und Laura (5) schaukeln sich vor dem Pfarrhof mit lauten Juchzern in die Sommerferien. Fröhlich, unbeschwert.

Auch Elena (21) und Katharina (21) lachen gerne. Die beiden sitzen zum selben Zeitpunkt um einen Küchentisch in Hard. Englischstudentin die eine, Wirtschaftsstudentin die andere. Sie kennen das Opfer nicht, sie waren auch nicht auf „Georgs Fäscht“. Es sind nur zwei junge Frauen, die abends gerne ausgehen und denen die Gaißauer Geschichte richtig unter die Haut gefahren ist. Auch weil die Rede vom so sicheren Ländle nur bei oberflächlicher Betrachtung standhält. Drei Jahre ist es her, dass ein 18-Jähriger in Bregenz am 24. Dezember eine 17 Jahre alte Schülerin auf dem Nachhauseweg von der Disco fünf Mal vergewaltigt hat. „Seither gehe ich nicht einmal mehr vom Riedenburger Bahnhof alleine heim“, sagt Elena. Die Gaißauer Vergewaltigung hat Wut und Angst hervorgerufen. Eigentlich wollten die Initiatoren von „Georgs Fäscht“ 2015 zum 25. und letzten Mal so groß wie nie feiern. Ihr Fest sollte in Erinnerung bleiben. Freilich niemals so.

Die Vergewaltigung erschüttert die ganze Region.

Reinhold Eberle
Manuela und Georg Fessler, Stefan Loacker ist Obmann des Vereins von „Georgs Fäscht“: „Einfach nur furchtbar.“  Fotos: VN/Matt
Manuela und Georg Fessler, Stefan Loacker ist Obmann des Vereins von „Georgs Fäscht“: „Einfach nur furchtbar.“ Fotos: VN/Matt