Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Von Göttern und Helden

Vorarlberg / 14.07.2014 • 20:26 Uhr

Der Fußball-Gott ist jener, zu dem man fleht, er möge dem Schiedsrichter doch endlich links und rechts eine um die Ohren klatschen. Die letzte Instanz. Der Zielpunkt innigster Gebete und der tiefsten Verachtung von wahrlich hiobschen Ausmaßen. Da trotten sie aus dem Stadion, und der eine murmelt mit wegwerfender Gebärde: „Es gibt keinen Fußballgott mehr.“ Auf Spanisch sagt er das natürlich. Dieses Mal.

 

Denn der andere ist Fußballgott auf Zeit. In den Olymp erhoben gemeinsam mit seiner Heldenschar. Wie umschreibt das der Sportjournalist? Der Umsichtige und der Überragende, der Aufopfernde und der Teufelskerl und mittendrin ein Fußball-Gott.

Liest sich wie im Trojanischen Krieg. Blasen wir den Schulkreidestaub von der Erinnerung, und da stehen sie schon: Der listenreiche Odysseus und der zornentbrannte Achill.

 

Und nun also ein 22-jähriger Memminger, dem der Fußball-Gott rechtzeitig in die Beine fuhr, auf dass wir alle, alle Helden würden. Denn das eigentlich Berauschende an einer solchen Nacht ist ihr egalitärer Charakter: Alle, die Schmerbäuchigen und die Stangenspargel, ob sie sich nun den Kater aus den Augen reiben oder verwundert zu ergründen suchen, in wessen Arme sie die weltmeisterliche Verzückung da spät nächtens eigentlich getrieben hat, alle naschen wir ein wenig mit am Weltmeisterkuchen. Alle waren wir Helden in dieser Nacht. Jeder ein kleiner Achill. Und das mit der Ferse wird völlig überschätzt.

thomas.matt@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-724