Jesus war tot, nicht scheintot

VN / 03.04.2026 • 08:30 Uhr
Am Karfreitag gedenken die Christen rund um den Erdball der Kreuzigung von Jesus Christus. Das Heilige Grab in der St. Michael bringt das geschenen ins Heute. (Foto: Walter Glück)
Am Karfreitag gedenken die Christen rund um den Erdball der Kreuzigung von Jesus Christus. Das Heilige Grab in der St. Michael bringt das geschenen ins Heute. (Foto: Walter Glück)Thomas Matt

In München führen die Jesuiten den Gläubigen den Karfreitag ungeschminkt vor Augen.

Bregenz Bregenz. Die Jesuitenkirche St. Michael in München ist eine Pracht. Am Karfreitag birgt der größte Renaissancebau nördlich der Alpen ein nüchternes Heiliges Grab auf einem Seziertisch. Makaber, urteilen manche Besucher. Sehr realistisch, sagt Andreas Batlogg SJ. Er kann es beurteilen.

 

Bereit zur Obduktion

Der Karfreitag steht im Zeichen der Trauer. An diesem Tag wurde Jesus hingerichtet und beigesetzt. Viele Pfarren errichten zur Erinnerung ein Heiliges Grab. Regelrecht pompös waren die Heiligen Gräber in der Barockzeit.

In der Hospiz-Vortragsreihe „Vom Mut zur Endlichkeit“ gewährte der Lustenauer Jesuit dem Publikum einen Blick in die Kreuzkapelle. Sie galt seit jeher als der heiligste Raum von St. Michael. Schließlich bewahrte sie ein Holzstückchen vom Kreuz Christi. „In dieser Kreuzkapelle haben wir seit 2016 in der Nacht vom Karfreitag zum Karsamstag nicht mehr ein Heiliges Grab im Stil des Spätbarocks aufgebaut“, erzählt Batlogg, der heute in Wien lebt. „Wir zeigen im abgedunkelten Altarraum eine Christusfigur. Aufgebahrt wie in einem Leichenschauhaus. Von Lampen hart ausgeleuchtet. Der Altar ist hinter einem kaltblauen sterilen Vorhang nur mehr zu erahnen. Alles ist auf den Toten konzentriert.“ Als stünde die Obduktion bevor.

„Den Seziertisch haben wir aus der Pathologie der Universitätsklinik ausgeliehen, die Lampen hat uns das Prinzregententheater zur Verfügung gestellt. Am großen Zeh des rechten Fußes hängt ein Original-Pappschild aus der Gerichtsmedizin – ohne Namen. Denn Jesus liegt stellvertretend für uns alle da.“ Mit dieser Installation trifft der Innenarchitekt Georg-Maria Hagemeyer das Ziel des Kirchenrektors Karl Kern SJ, der das Vergangene in die Gegenwart holen möchte. Ganz ohne barocke Kulisse.

Bei dem Anblick konnte es einen frösteln! Die Konzentration auf den am Kreuz jämmerlich zu Tode Gekommenen, der ruhig daliegt, muss man aushalten können und wollen. „Erstaunlich viele Besucherinnen und Besucher ließen seither den toten Christus auf sich wirken. „2018 stellten wir vor den Seziertisch eine große Schale mit den aus der Gründonnerstagsliturgie übrig gebliebenen, restlichen konsekrierten Hostien – an vielen Orten wird traditionellerweise eine Monstranz mit dem Allerheiligsten über dem Heiligen Grab aufgestellt.“

Tränen kamen

Auch Batlogg saß 2018 einige Zeit vor dieser Installation. Von einer langen Operation gezeichnet, ein Krebspatient, dessen Lebenspläne durchkreuzt waren. „Ich saß nur da. Tränen kamen. Ich musste mir nichts „vorstellen“ oder die „fromme Fantasie“ bemühen. Sondern einfach schauen. Mir mich selbst auf dem Totenbett vorstellen, das kam wie von selbst.“

Dreimal war Batlogg auf einem OP-Tisch gelegen in den Monaten zuvor. „Würde ich den OP-Tisch vielleicht mit einem Seziertisch tauschen müssen? Würde ich später einmal erlöst ausschauen, befreit von Schmerz, von Angst?“ Und vor allem: „Würde ich mich einmal in die Hände Gottes geben, mich ganz ihm überlassen können – wie Jesus, der hoffte bis zuletzt, der darauf vertraute, dass der Verbrechertod am Kreuz, die schmachvollste Foltermethode im Repertoire der Grausamkeiten der Römer, nicht das Ende ist?“

Die Darstellung in der Kreuzkapelle von St. Michael wirkt auf manche brutal. Sie sagt ganz nüchtern: „Tot ist tot – und Jesus war nicht scheintot.“ Andreas Batlogg musste das erst aushalten lernen: „Einmal werde ich selber so daliegen – und darf darauf hoffen, dass mir Gott ein gnädiger Richter ist, dass er barmherzig mit mir umgeht, mich willkommen heißt und aufnimmt, für immer. Damit aus einem Leben im Fragment eine Ganzheit wird, damit Unerlöstes erlöst, Verwundetes heil, Unreifes reif gemacht wird.“

 

Andreas Batlogg SJ: „Einmal werde ich selbst so daliegen – und darf darauf hoffen, dass Gott mich aufnimmt.“ (Foto: Batlogg)
Andreas Batlogg SJ: „Einmal werde ich selbst so daliegen – und darf darauf hoffen, dass Gott mich aufnimmt.“ (Foto: Batlogg)