Alkoholisierter Wüterich tobt nach Freispruch im Gerichtssaal

Vorarlberg / 11.09.2014 • 22:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Invaliditätsrentner (59) soll von junger Frau verprügelt und zerkratzt worden sein.

Bregenz. (VN) Für die Bewohner einer sozial betreuten Hausgemeinschaft, benannt nach einem berühmten katholischen Priester, enden Streitereien nicht selten im nahe gelegenen Bezirksgericht. So auch gestern. Eine 19-jährige Frau, angeklagt wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung, und ihr „Opfer“, ein 59-jähriger Frühpensionist, dessen Alkoholfahne sogleich den Gerichtssaal durchweht.

Tatvorwurf: Die junge Frau habe dem Rentner Ohrfeigen verpasst, eine Narbe in die Wange gekratzt und seine Brille zertreten. Doch die Beschuldigte steht lediglich zur Sachbeschädigung. Das andere sei reine Notwehr gewesen. „Er hat mich gewürgt, sodass ich keine Luft mehr bekam“, begründet sie vor Richterin Melike Yolsal.

„Kratzen tun Katzen“

Was für ein Unsinn, empört sich der Geschädigte als Zeuge. „Ich habe damals der Polizei klipp und klar gesagt, die Frau zum Krankenhaus zu bringen, um festzustellen, dass sie keine Verletzungen hat, und das hat sie nicht getan.“ Er selbst hingegen sei sehr wohl lädiert gewesen. Zum Beweis dafür zeigt er auf die Narbe an seiner Wange. „Die geht nie mehr weg“, jammert er.

„Warum sollte die Frau Sie denn kratzen, wenn nicht, um sich gegen Sie zu wehren?“, will die Richterin von ihm wissen.

„Kratzen nennen Sie das? Kratzen tun Katzen!“, weist der Angesprochene auf die Schwere seiner Verletzung hin. Und dann die Brille. 900 Euro habe sie gekostet. „Jetzt hat sie einen Totalschaden“, fügt er hinzu.

Einspruch gegen Freispruch

Bezüglich der Körperverletzung spricht die Richterin die Angeklagte im Zweifel frei. Einen Schuldspruch gibt es allerdings hinsichtlich der kaputten Brille. Eine Geldstrafe in der Höhe von 60 Tagessätzen zu je vier Euro wird verhängt. Den Freispruch begründet Yolsal mit der
Widersprüchlichkeit der Aussagen und damit, dass sie eher zur Notwehr-Version tendiert.

Dem 59-Jährigen platzt der Kragen. Er beginnt zu toben, schreit: „Ich erhebe Einspruch dagegen!“

„Sie können gar keinen Einspruch gegen das Urteil erheben, es ist rechtskräftig“, weist ihn die Richterin zurecht. Der Angesprochene beginnt zu brüllen. „Was fällt Ihnen ein?“

Der bereits mehrfach ausgesprochenen Aufforderung, den Gerichtssaal zu verlassen, kommt er erst jetzt nach. Er stampft zur Tür, reißt sie auf, stolpert beinahe über die Schwelle, knallt die Tür hinter sich zu.

Draußen läuft er auf dem Gang hin und her, verlässt das Gerichtsgebäude nicht. Die verurteilte Frau zittert. „Ich trau mich gar nicht hinaus.“

Richterin Yolsal informiert telefonisch den Gerichtsvorsteher und beginnt, den Verhandlungssaal zu lüften. „Spätestens jetzt ist klar, dass es sich damals um Notwehr gehandelt hat …“, bemerkt sie noch.

Jetzt ist klar, dass es sich damals um Notwehr gehandelt hat.

Richterin Melike Yolsal