Roboter für die Pflege

Was in Japan schon Realität ist, hält Erwin Mohr nicht für erstrebenswert.
Wolfurt. Seit November 2013 steht der ehemalige Wolfurter Bürgermeister Erwin Mohr der Senioren Plattform Bodensee vor. Das Gremium bemüht sich um Auswege aus der Pflegemisere.
Was ist die Senioren Plattform Bodensee, und welche Aufgaben bzw. Ziele verfolgt sie?
Mohr: Die Senioren Plattform Bodensee ist ein Zusammenschluss von vier Ländern. Ihr gehören Schweizer Kantone, einige deutsche Landkreise sowie Vorarlberg und Liechtenstein an. Die Zielsetzungen sind der Vergleich verschiedener Systeme, die zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklungen führen, und gute Beispiele zu übertragen. Ein markantes Projekt in diesem Zusammenhang ist die Vorsorgemappe, die es auch bei uns im Land vermehrt gibt, und die ursprünglich in Friedrichshafen entwickelt wurde.
Sind die Herausforderungen, was die alternde Gesellschaft angeht, überall gleich oder gibt es regionale Unterschiede?
Mohr: Von der Bevölkerungsentwicklung her ist die Situation dieselbe. Alle vier Länder kämpfen mit dem Problem der Unterjüngung, das heißt, wir haben viel zu wenig junge Leute. Auf der anderen Seite werden die Menschen immer älter. Dazwischen tun sich Probleme auf, die eine frühzeitige Reaktion erfordern.
Was möchten eigentlich die Senioren?
Mohr: Der größte Wunsch der älteren Leute ist, so lange wie möglich ein selbstbestimmtes Leben zu Hause führen zu können. Das lässt sich durch alle Studien belegen. Allerdings ist das nicht mehr so leicht möglich wie früher, weil vor allem die familiären Netze zunehmend schwächer werden. Deshalb wird versucht, diese Netze, wo sie noch da sind, zu erhalten und durch freiwillige Netzwerke zu stärken, etwa durch professionelle mobile Angebote und die Möglichkeit der Pflegekarenz.
Nur wird diese bis dato kaum genutzt.
Mohr: Leider ist die Inanspruchnahme noch verschwindend gering. Man wird nun schauen müssen, ob die 1400 Euro, die man bekommt, zu wenig oder die drei Monate nicht ausreichend sind. Für eine Dauerpflege ist das Modell sicher nicht geeignet. Es wird also in erster Linie eine Herausforderung sein, die mobilen Dienste auszubauen, und zwar nicht nur in den Städten. Im Grunde ist es wie bei der Kinderbetreuung: Weil die familiären Netzwerke nicht mehr so gut funktionieren, braucht es auch dort immer mehr Angebote. Es geht um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, im Alter eben um Familie und Pflege.
Woher soll das Geld kommen?
Mohr: Wenn die Familie das nicht mehr leisten kann, wird es die öffentliche Hand tun müssen. Dazu wird es allerdings Angehörigenbeiträge brauchen. Es ist ja zum Teil jetzt schon so, dass für mobile Leistungen bezahlt werden muss. Die sind aber immer noch preiswerter als ein Heimaufenthalt.
Vor allem ist die Lebensqualität zu Hause ungleich höher.
Ist die Pflegeversicherung noch ein Thema?
Mohr: Der Österreichische Gemeindebund fordert seit Jahren eine Pflegeversicherung, die durch eine Abgabe langfristig abgesichert ist. Derzeit wird oft Vermögen auf Angehörige verteilt, und die Last der Pflege bleibt bei der Gesellschaft.
Warum tut die Politik nichts dagegen?
Mohr: Das Geld ist überall knapp. Wir wissen, dass eine alternde Gesellschaft um ein Vielfaches teurer ist. Die letzten fünf Lebensjahre kosten laut Studien so viel wie die 75 Jahre vorher. Wenn wir nun zehn Jahre länger leben, sind es vielleicht nicht die letzten fünf, sondern die letzten zehn Jahre. Das wird auch die Gesundheitssysteme enorm fordern.
Deshalb wäre Prävention so wichtig …
Mohr: Ja, aktives Altern ist tatsächlich ein zentraler Ansatz: Vorsorgeuntersuchungen, Unfallprophylaxe, Sturzprävention, Sozialraumplanung, das alles gehört dazu.
In anderen Ländern ist schon Fakt, dass alte Menschen nach Polen oder Asien ausgelagert werden, weil die Pflege hier unerschwinglich ist. Müssen wir uns davor auch fürchten?
Mohr: Ich denke, das wird kein realistisches Szenario werden. Aber es gibt jetzt schon Mangel, z. B. an Pflegepersonal. Wie löst man das? Man löst es, indem vom Osten Pflegekräfte angeworben werden. Nur haben diese Länder das gleiche Problem. Wenn sich nun die Unterjüngung der Bevölkerung weiter fortsetzt, brauchen wir Zuwanderung. Sonst fehlen uns die Leute überall. Oder wir setzen wie in Japan künftig Pflegeroboter ein.
Ist das erstrebenswert?
Mohr: Das ist natürlich nicht erstrebenswert, überhaupt nicht. Aber es gibt eben schon Gesellschaften, wo es Realität ist.
Bei der nächsten Alterstagung am 6. November in Rorschach geht es unter anderem um die Grenzen der Betreuung. Sind wir da schon?
Mohr: Zum Glück verläuft die demografische Entwicklung nicht so schnell. Doch sie kommt unerbittlich. Wir können auch diese Unterjüngung nie mehr wettmachen. Das geht sich nie und nimmer aus. Deshalb gilt es, die Strukturen zu stärken. Aber man muss auch dem Einzelnen sagen, dass er sich nicht auf die Systeme verlassen darf, dass er selbst darauf schauen muss, ein familiäres Netzwerk, Freunde und Nachbarn zu haben.
Die Eigenverantwortung wird auch hier immer stärker gefordert?
Mohr: Ganz genau so ist es. Es wird der Staat nicht alles lösen können. Wer das meint, wird sich möglicherweise täuschen.