Zwangsarbeiter in Vorarlberg: Ihr Schicksal war doppelt tragisch

Vorarlberg / 20.11.2014 • 19:21 Uhr
Ankunft im Sammellager. Das Foto stammt aus dem Buch von Friedrich Diedier „Europa arbeitet in Deutschland“.  Foto: Museum im Zeughaus  
Ankunft im Sammellager. Das Foto stammt aus dem Buch von Friedrich Diedier „Europa arbeitet in Deutschland“. Foto: Museum im Zeughaus  

Im Heimatmuseum in Schruns wurde gestern das Buch „Minderjährige Gefangene des Faschismus“ vorgestellt.

Schruns. (VN-kum) Das Buch wurde im Rahmen des vom Land und den Illwerken geförderten Projekts „Zwangsarbeit in Vorarlberg“ von der Historikerin Margarethe Ruff (unter Mitarbeit von Werner Bundschuh) publiziert.

Ruff hat sich über zwei Jahrzehnte mit dem Thema Zwangsarbeit in Vorarlberg befasst. Sie hat mit ehemaligen Zwangsarbeitern aus Polen und der Ukraine Interviews geführt.

In Ruffs neuem Buch kann man ihre berührenden Lebensgeschichten nachlesen. In den Biografien kommt nicht nur der Arbeitseinsatz in Vorarlberg zur Zeit des Nationalsozialismus zur Sprache, sondern auch Schwierigkeiten, mit denen die Zwangsarbeiter als Rückkehrer in der Heimat zu kämpfen hatten, werden aufgezeigt.

Durch Einberufungen zur Wehrmacht entstand im Deutschen Reich ein gewaltiger Mangel an Arbeitskräften, vor allem in der Landwirtschaft, Bauwirtschaft und Rüstungsindustrie. Das NS-System rekrutierte deshalb Arbeitskräfte aus allen eroberten Gebieten. Laut Ruff wurden vor allem Jugendliche im Alter zwischen 14 und 24 Jahren verschleppt. „Man zwang sie in Waggons und transportierte sie aus ihren Heimatdörfern ins Deutsche Reich.“

Schwer geschuftet

Während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten rund 20.000 ausländische Arbeitskräfte aus mehr als 20 Staaten zwangsweise in Vorarlberg. Die meisten davon stammten aus Polen und der Ukraine. „Viele dieser jungen Männer schufteten auf den Baustellen der Illwerke, bauten Staudämme in der Silvretta. Die jungen Frauen arbeiteten in der Textilindustrie, in Hotels oder in der Landwirtschaft. Letztere waren häufig sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Nicht wenige wurden vergewaltigt“, erzählt Ruff. So erging es zum Beispiel der Mutter von Maria F. Die 16-jährige ukrainische Zwangsarbeiterin wurde von ihrem Arbeitgeber vergewaltigt und brachte 1944 in Hohenems ihre Tochter Maria zur Welt. Nach dem Ende des Krieges ließ die Zwangsarbeiterin ihre 18 Monate alte Tochter in Götzis zurück und kehrte – vermutlich – in die Heimat zurück. Maria wurde in verschiedenen Pflegefamilien groß. „Warum hat mich meine Mutter allein zurückgelassen?“ Diese Frage hat Maria ihr Leben lang beschäftigt.

Die Zivilarbeiter aus dem Osten wurden ausgebeutet und mussten hart arbeiten. Die Verpflegung in den Lagern war völlig unzureichend, sie hungerten. „Sie hatten überhaupt keine Rechte. Selbst bei geringsten Vergehen warteten Gefängnis und Konzentrationslager auf sie. Außerdem schränkten viele Verbote sie ein. So war ihnen zum Beispiel der Kontakt zu Einheimischen streng verboten. Sie durften sie nur grüßen, aber nicht von sich aus anreden“, berichtet die Historikerin.

Verräter der Heimat

Zu Kriegsende kehrte das Gros der Zwangsarbeiter aus dem Osten in die Heimat zurück. Ruff: „Längst nicht alle gingen freiwillig. Stalin zwang sie zurückzukehren. Er brauchte für den Aufbau des Landes Arbeitskräfte.“ In der Heimat wurden die Zwangsarbeiter aber feindselig empfangen.

Sie wurden als Verräter angesehen, weil sie für den Feind gearbeitet hatten. Der Staat diskriminierte sie von Anfang an. Die ehemaligen Zwangsarbeiter erhielten nur die niedrigsten Arbeiten, durften nicht studieren, nicht in die Partei eintreten und auch die Partnersuche war ein Problem. Ein Parteifunktionär äußerte sich gegenüber Ruff folgendermaßen: „Es gelang mir, den Österreich-Aufenthalt meiner Frau vor der Partei geheimzuhalten. Hätten sie es erfahren, wäre es das Ende meiner Karriere gewesen.“ Ruff: „Ihr Schicksal war also doppelt tragisch.“ Aber wie erging es jenen wenigen, die in Vorarlberg geblieben waren? Die Historikerin dazu: „Ihnen ging es materiell besser. Aber sie litten lebenslang unter Heimweh. Viele von ihnen fühlten sich minderwertig aufgrund ihrer Erfahrungen im Krieg.“

Die Frauen waren häufig sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Nicht wenige wurden vergewaltigt.

Margarethe Ruff

Buchpräsentation: Di, 25. November, 20 Uhr in Hohenems im Kleinen Löwensaal (Schlossplatz).