Kurzer Frieden im Gemetzel

Vorarlberg / 23.12.2014 • 20:55 Uhr
Britische Soldaten verzehren ihr Weihnachtsessen in einem Bombentrichter bei Beaumont Hamel.  Foto: IWM
Britische Soldaten verzehren ihr Weihnachtsessen in einem Bombentrichter bei Beaumont Hamel. Foto: IWM

An Heiligabend 1914 verbrüderten sich deutsche, britische und französische Soldaten.

Schwarzach. Der 24. Dezember 1914 war ein Donnerstag. Am Pfänder war in der Nacht frischer Pulverschnee gefallen. Die weiße Pracht bedeckte die Hänge seit Tagen bis zu 80 cm hoch. Skifahren ging man schon. Oberst Georg Bilgeri ebnete gerade den Weg von der Einstock- zur Zweistocktechnik. Dennoch dachte an diesem ersten Weihnachtstag des Jahres kaum jemand ans Vergnügen im Schnee.

Seit dem 28. Juli 1914 stand die Habsburger-Monarchie im Krieg. Innerhalb weniger Tage war der scheinbar lokale Konflikt zum Weltkrieg explodiert. Das Hurra-Geschrei der einrückenden Rekruten war längst den Verlustlisten gewichen. „Zu Weihnachten sind wir wieder zu Hause“, hatten die Männer versprochen. Inzwischen waren Hunderttausende gefallen. Die Front zwischen Deutschland und Frankreich war im Stellungskrieg erstarrt. Nach den furchtbaren Schlachten bei Ypern und an der Marne eröffnete der deutsche Generalstabschef Erich von Falkenhayn Mitte November 1914 dem Reichskanzler Bethmann Hollweg, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei. Dabei hatte das Morden erst angefangen. Es sollte noch vier Jahre andauern. An diesem 24. Dezember 1914 befanden sich rund 578.000 alliierte Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft, während umgekehrt rund 135.000 deutsche Soldaten in russischen Lagern interniert waren. Die Zentralauskunftsstelle des Roten Kreuzes für Kriegsgefangene organisierte von Genf aus die Versendung der Weihnachtspost in die Kriegsgefangenenlager. Bis Weihnachten 1914 waren bereits 160.000 junge Engländer, 300.000 Franzosen und 300.000 Deutsche von Granaten zerfetzt, von MG-Garben durchsiebt, beim Bajonettangriff Mann gegen Mann aufgespießt worden. Im Osten nicht anders. Der österreichische Journalist Egon Erwin Kisch fasst als Soldat im Feldzug gegen Serbien in einem kleinen rumänischen Nest an der Donau am 24. Dezember 1914 „Extramenage“ aus, „Gulasch und Tee“. Jeder Soldat – Kisch dient in einem Prager Regiment – erhält vom Prager Stadtrat „ein Bild von der Karlsbrücke, eine hölzerne Tabakspfeife, Zwieback, Schokolade und warme Wäsche“. Herzliche und auch ein wenig hilflose Gaben von Daheim. Man hatte begriffen, dass ein rasches Kriegsende Illusion war, und blickte in eine ungewisse Zukunft.

Die Österreicher hatten in Serbien unerwartet Prügel bezogen. Der einfache Soldat fragte sich längst, weshalb er tagtäglich das Gewehr zur Hand nahm, um „die da drüben“ zu erschießen. Den Generälen blieb das nicht verborgen. Sie reagierten auf ihre Weise. Kisch fielen am 16. Dezember 1914 serbische Originalbefehle in die Hand. Da ordnete der Generalstab an, gegen fliehende serbische Bataillone eigenes Geschützfeuer einzusetzen. Ähnliche Befehle wurden auf allen Seiten an allen Fronten erlassen. Und doch kam es wenigstens im Westen im Dezember 1914 zu einem spektakulären Weihnachtsfrieden, der bis heute eine Botschaft ungeheurer Symbolkraft transportiert: Jeder Krieg kann augenblicklich enden, wenn die Menschen es nur wollen.

Ein Flackern in der Nacht

Während Kisch an der Grenze zu Serbien in dieser Nacht die genossene üppige Kost wieder von sich gibt – „der Magen war der Nahrungsaufnahme entwöhnt“ –, liegen im Norden an der 800 Kilometer langen französischen Front deutsche, englische und französische Truppen in Schützengräben kaum 50 Meter voneinander entfernt.

Der 24. Dezember ist ein „stiller, klarer und eisiger Tag“, notiert der englische Zeichner Bruce Bairnsfather in sein Kriegstagebuch. Auch die Nacht wird klar. Ein anderer britischer Soldat, der Gefreite Frederick W. Heath, beschreibt, was sich nun zuträgt: „Während ich so dalag und träumte, nahm ich ein Flackern in der Dunkelheit war. Zu derart später Stunde war ein Licht im feindlichen Schützengraben selten, sodass ich Meldung erstattete. Ich hatte kaum zu Ende gesprochen, da leuchteten weitere Lichter auf.“ Schließlich, so Heath, „drang ein im Krieg wohl einzigartiger Gruß an unser Ohr: ‚English soldier, English soldier, a merry Christmas, a merry Christmas!‘“

Die ersten Lieder erklangen. Das Repertoire reichte den Berichten zufolge von der „Wacht am Rhein“ und „Rule Britannia“ bis zu „Oh du fröhliche“ oder „Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will“. Nach und nach kletterten die ersten Soldaten aus ihren Gräben auf das zuvor so heiß umkämpfte Niemandsland. „Stell Dir vor“, schrieb ein Augenzeuge an seine Liebste in England, „während du zu Hause Deinen Truthahn gegessen hast, plauderte ich da draußen mit den Männern, die ich ein paar Stunden vorher noch zu töten versucht hatte.“ Tauschgeschäfte fanden statt: Britischer Plumpudding wanderte in deutsche Hände, Zigaretten „made in Germany“ zirkulierten auf der anderen Seite.

Mehr als 100.000 Soldaten sollen an diesem kurzem Weihnachtsfrieden von 1914 beteiligt gewesen sein. Er währte nur Stunden, und längst nicht überall schwiegen die Waffen. Es war ausgerechnet der 24. Dezember 1914, als die erste Bombe auf England fiel. Der deutsche Marineflieger Oberleutnant Friedrich von Arnauld de la Perrière hatte sie in den Garten eines Pfarrhauses in Dover geworfen. Verletzt wurde niemand. Aber damit erreichte der Krieg ausgerechnet an Weihnachten eine ganz neue Dimension, deren Tragweite erst sehr viel später deutlich wurde.