Porträtgalerie
Die Porträtgalerie früherer Landeshauptmänner im sechsten Stock des Landhauses nimmt nicht viel Platz in Anspruch. In den neunzig Jahren seiner Selbstständigkeit hat Vorarlberg mit Markus Wallner erst den achten Landeshauptmann. Andere Bundesländer kommen locker auf die doppelte Zahl. Dass vor den Altlandeshauptleuten Herbert Keßler, Martin Purtscher und Herbert Sausgruber der bereits verstorbene Ulrich Ilg die Nachkriegszeit prägte, wird halbwegs Interessierten noch in Erinnerung sein. An Otto Ender, den Landeshauptmann der Ersten Republik, werden sich nur mehr wenige erinnern, manchen mag seine kurzzeitige Funktion als Bundeskanzler eine Gedächtnisstütze sein. Durchwegs ratlos stehen jene, die sich die Wartezeit im Gang vor dem LH-Büro mit der Betrachtung der Porträtgalerie vertreiben, vor den Bildnissen Ferdinand Redlers und Ernst Winsauers.
Der Rechtsanwalt Ferdinand Redler war ein Landespolitiker der ersten Stunde. 1918 gehörte er bereits der provisorischen Landesversammlung an, dann bis 1934 dem Vorarlberger Landtag. Gleichzeitig war er Stellvertreter des Landeshauptmannes und auf diese Weise rückte er 1930 dem zum Bundeskanzler bestellten Otto Ender nach. Nach dessen Rückkehr 1931 trat Redler dann wieder in das zweite Glied zurück. 1934 schied er aus der Politik aus, um Senatspräsident im neuen Bundesgerichtshof zu werden, den Dollfuß an die Stelle des ausgeschalteten Verfassungsgerichtshofs gesetzt hatte.
Ernst Winsauer war neben seiner Tätigkeit als Leiter der Chemischen Versuchsanstalt des Landes (heute Umweltinstitut) bäuerlicher Interessenvertreter und Abgeordneter zum Nationalrat. Als Landeshauptmann Ender 1934 zum Präsident des Rechnungshofs bestellt wurde, folgte ihm Winsauer nach. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern und Nachfolgern wurde er nicht vom Landtag gewählt, sondern nach der neuen Dollfuß-Verfassung vom Bundespräsident ernannt. Der antidemokratische Charakter dieser Zeit wird auch dadurch deutlich, dass die anderen Regierungsmitglieder nicht vom Landtag gewählt, sondern vom Landeshauptmann bestellt wurden. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Auslöschung Österreichs wurde Landeshauptmann Winsauer am 11. März 1938 sofort seines Amtes enthoben und durch den NS-Gauleiter Toni Plankensteiner, einen Schulkollegen Winsauers, ersetzt. Dieser konnte sich seiner Funktion allerdings nicht lange erfreuen, weil Vorarlberg bald dem Gau Tirol angeschlossen wurde. Nach dem Kriegsende gehörte Winsauer als Unterstaatssekretär für Volksernährung der Bundesregierung und anschließend dem Bundesrat an, schied aber 1946 aus der Politik aus, übernahm wieder die Leitung der Chemischen Versuchsanstalt und wurde Obmann des Vorarlberger Genossenschaftsverbandes. Am Freitag wäre der 1962 verstorbene Winsauer 125 Jahre alt geworden.
Mit der NS-Machtübernahme wurde Winsauer sofort seines Amtes enthoben.
juergen.weiss@vorarlbergernachrichten.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.
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