Wenn das Gasthaus zu einer Fluchtburg wird

Vorarlberg / 27.05.2015 • 21:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Yesan (links) und Khalil vor dem Gasthof in Hittisau. Das Fahrrad hat ein Bewohner gespendet, die Kamera durfte Yesan mal kurz ausborgen und testen. Der 22-Jährige will Fotograf werden. Bis dahin helfen die Brüder im Goldenen Adler mit.  Foto: VN/Steurer
Yesan (links) und Khalil vor dem Gasthof in Hittisau. Das Fahrrad hat ein Bewohner gespendet, die Kamera durfte Yesan mal kurz ausborgen und testen. Der 22-Jährige will Fotograf werden. Bis dahin helfen die Brüder im Goldenen Adler mit. Foto: VN/Steurer

Acht Syrer leben derzeit im Goldenen Adler in Hittisau. Einige helfen in der Gaststube mit.

Hittisau. Aleppo: Eine Stadt, die keine mehr ist. Im syrischen Bürgerkrieg niedergebombt, besteht dieser ehemals florierende Ort nur mehr aus Trümmern. Diese unwirkliche Szenerie ist die Heimat des Brüderpaares Khalil (18) und Yesan (22). Khalil war im Maturajahr, Yesan arbeitete in einer Filmfirma, als die Nachricht kam, vor der sie sich so fürchteten: Die Einberufung ins Militär – gleichbedeutend mit einem Einsatz im Bürgerkrieg. Es war im März 2014, als sie ihre Schwester und ihre Mutter zurücklassen mussten und flohen. Im August erreichten sie das Auffanglager Thalham. Im Jänner kamen sie zu Manfred Felder nach Hittisau. Sie sind zwei von acht Flüchtlingen im Gasthaus Goldener Adler.

Angefangen hat alles vor drei Jahren. Manfred Felder pachtete das Gasthaus im Hittisauer Zentrum und erfüllte es nach 25 leeren Jahren wieder mit Leben. Er renovierte die Zimmer und den urigen Gastraum. Im Dezember 2014 erfuhr er von der Suche des Landes nach Asylplätzen. „Die Gemeinde kam auf mich zu. Ich habe relativ schnell zugestimmt“, erinnert er sich und startete zusammen mit Sabine Dorner die Hilfsaktion. Im Jänner kamen die ersten Flüchtlinge. Mittlerweile leben acht Männer im Goldenen Adler, sieben haben Asyl bekommen, einer wartet noch auf den Bescheid.

Anfängliche Skepsis verflogen

Wenn Asylheime geplant werden, sind Proteste meist nicht weit. Aber nicht immer. Zwar habe es auch in Hittisau skeptische Menschen gegeben, „aber alles im Rahmen des Üblichen“, erklärt Felder und lacht. Er hat leicht lachen – die Skepsis habe sich rasch gelegt. Spätestens seit dem syrischen Abend: „Die Männer haben gekocht und serviert. Es war ein voller Erfolg.“

Einer der Flüchtlinge heißt Achmet, ist 25 Jahre alt, verheiratet und aus Damaskus. Er hatte soeben sein Chemiestudium abgeschlossen, als der Brief der Armee eintrudelte. Wer nicht für das Militär kämpfen will, steht automatisch auf der Gegenseite – für Achmet allerdings einerlei: „Es gibt keine zwei Seiten, wir sind alle Brüder. Es ist ein sinnloser Krieg.“ Bevor er im Jänner nach Hittisau kam, war er in Traiskirchen und in Wien untergebracht. Nun sucht der Chemiker einen Job und hofft, dass seine Frau bald nachkommen darf.

Nicht nur Achmet sucht Arbeit. Einer der Flüchtlinge ist Französischlehrer, einer ist Schreiner, auch ein Seifensieder ist dabei; ein traditioneller syrischer Beruf. „Bei uns kaufen die Touristen Bergkäse, wenn sie gehen. In Aleppo kaufen sie Seife“, erzählt Felder. Ein weiterer Flüchtling war Landwirt und Schneider. Sein Hof stand auf einem für die Armee strategisch wichtigen Punkt. Der Mann wurde kurzerhand enteignet.

Yesan würde gerne etwas neues lernen. Sein Wunsch: Fotograf. Derweil hat Felder Khalil und Yesan im Gasthof angestellt. „Bei uns bewirten auch Flüchtlinge“, steht auf einem Schild vor dem Haus. Auch im Dorfleben sind die Flüchtlinge integriert. Denn die Arbeit hat laut Felder einen großen Vorteil: „Für sie ist es positiv, dass sie hier in der Gaststube in ständigem Kontakt mit den Einheimischen sind.“ Die Menschen begegnen sich zudem im Dorfladen, Khalil spielt Fußball, Yesan singt im Chor.

Große Hilfsbereitschaft

Neben dem Schild vor dem Gasthaus stehen Fahrräder. Sie wurden von der Bevölkerung gespendet, genauso wie Kleidung für den Winter. „Die Hilfsbereitschaft ist groß“, stellt Felder fest. Landesrat Erich Schwärzler (ÖVP) hätte sicher gerne mehr solcher Gasthöfe und mehr Menschen wie Manfred Felder. 50 Plätze will er diese Woche noch schaffen, wofür er sich am Mittwochabend zu einer großen Gesprächsrunde mit Vertretern der Gemeinden, der Caritas und des Roten Kreuzes traf. Khalil, Yesan, Achmet und Co. sind indes froh, schon ein Quartier gefunden zu haben. „Hittisau gefällt mir sehr gut“, schwärmt Khalil.

Sie sind hier im ständigen Kontakt mit den Einheimischen.

Manfred Felder