Bleistiftskizzen wurden nie umgesetzt

Straßenverbindung ins Kleinwalsertal. Jahrzehntelange Planungen im Sand verlaufen.
Mittelberg. „Kleinwalsertal wieder einen Schritt näher bei Vorarlberg.“ So titelten die Vorarlberger Nachrichten am 29. Jänner 1974. Grund für die Schlagzeile waren Bleistiftzeichnungen aus Wien zu einer Tunnelverbindung zwischen dem Kleinwalsertal und dem Bregenzerwald. Eine Verbindung, die bereits 1971 im Bundesstraßengesetz vorgesehen war und wieder an Aktualität gewann. Nicht das erste Mal. Pläne gab es immer wieder. Sie alle sind im Sand verlaufen. Bis heute ist das Kleinwalsertal nur über deutschen Boden erreichbar. Das Jahrhundertprojekt „Straßenverbindung Kleinwalsertal“ scheint für immer Geschichte.
„Man kann sich gar nicht ausmalen, wie die Auswirkungen gewesen wären. Ökologisch und landschaftlich wäre es ein Wahnsinn gewesen“, sagt Toni Berchtold (63), der zwischen 1971 und 2012 im Mittelberger Rathaus gearbeitet hat – viele Jahre davon als Gemeindesekretär.
Direkter Weg nach Italien
Erste konkrete Planungen liegen weit zurück und hatten strategische Ziele. Hitlers Generalinspektor für Straßenbau, Fritz Todt, verfolgte hartnäckig die Idee eines kurzen Weges von Augsburg über das Kleinwalsertal, den Arlberg- und Reschenpass direkt nach Italien. Ein zwei Kilometer langer Tunnel unter dem Hochalppass zum „Kalbelesee“ in Warth sollte das Kleinwalsertal mit Vorarlberg verbinden. Der Kriegsbeginn in Polen am 1. September 1939 war gleichzeitig das Ende der Planungen der Widdersteinstraße.
Die Idee blieb. Aber es dauerte. In den Nachkriegsjahren lagen Pläne lange in den Schubladen. Erst 1967 unternahm die Landesregierung einen Vorstoß. Und wieder hatte die Verbindung strategische Ziele. Jetzt ging es um eine „Vorarlberger Fremdenverkehrs-Transversale“. Es sollte ein Weg vom Allgäu durch ganz Vorarlberg hindurch nach Davos geschaffen werden. Die VN schrieben am 11. Oktober 1967 von einer „Straße der Zukunft“, die keine Utopie sei, da die Landesstraßenbehörden sich ernsthaft mit der Projektierung auseinander setzten.
Der Artikel beschäftigt sich auch mit der Stimmungslage im Kleinwalsertal. So sorge die Tunnelverbindung ins „Mutterland“ nicht für restlose Begeisterung. Man fürchte um die Attraktivität des Tals und die schon damals enormen Fremdenverkehrserfolge, die stark mit dem Zollausschlussvertrag verbunden waren.
„Das Land war immer die treibende Kraft“, erinnert sich Toni Berchtold. Die Gemeinde und die Bürger hätten die Verbindung nie wirklich gewollt.
Entschluss war gereift
Auf die Planungen hatte das allerdings vorerst keinen Einfluss. Der Entschluss zum Bau einer direkten hochrangigen Straße zwischen dem Kleinwalsertal und dem Bregenzerwald war gereift. Ab 1971 war die Verbindung Mittelberg–Schoppernau in den Bundesstraßenkatalog aufgenommen. Im Amtsblatt der Gemeinde Mittelberg vom 28. Oktober 1972 wird die Trassenführung beschrieben: „Die Verbindungsstraße soll vor Riezlern von der Bundesstraße B201 abzweigen und durch das Schwarzwassertal mit einer Länge von 8,4 Kilometern bis zur 1350 Meter hoch gelegenen Alpe Melköde führen. Von dieser Alpe wird in einem 6 Kilometer langen Basistunnel unterhalb der Alpe Neuhornbach auf einer Höhe von 1270 Metern der Südhang des Bregenzerachtales erreicht. Der Abstieg nach Schoppernau erfolgt auf einer 7,6 Kilometer langen Straßenkehre.“
Die Baukosten wurden in den Folgejahren mit 1,1 Milliarden Schilling beziffert. Weitere günstigere Varianten mit kürzerem Tunnel waren auch im Gespräch, hatten aber den Nachteil, dass sie nicht wintersicher waren.
Auf Zeit gespielt
Im Kleinwalsertal spielte man auf Zeit und entwickelte neue Trassen-Vorschläge. Anstelle des hinteren Bregenzerwaldes wollte man 1976 eine möglichst direkte Verbindung zu den Siedlungszentren des Rheintals. Die Verbindung Schwende Richtung Sibratsgfäll wurde ins Spiel gebracht. Um den Ortsteil Schwende zu erschließen, war ein neue Brücke notwendig. Das Land wollte aber nur dann Geld für die Schwendebrücke zuschießen, wenn es später tatsächlich zu einer Verbindung mit dem Bregenzerwald kommt. 75 Prozent des anfallenden Zins- und Tilgungsaufwandes der Baukosten sollten aus Bregenz kommen, eine Realisierung der Anschlussstrecke vorausgesetzt. „Weil es dazu nie kam, mussten wir 20 Jahre später mit der Rückzahlung der Darlehen beginnen“, sagt Toni Berchtold. Die letzten Raten sind 2018 fällig. Im Tal scheint niemand traurig zu sein, dass das Jahrhundertprojekt gescheitert ist. Das war auch schon so, als die Pläne 1984 begraben wurden. Im Nachrichtenmagazin „Spiegel“ wird der damalige Mittelberger Bürgermeister Walter Fritz zitiert: „Ich habe nicht intrigiert und nicht sabotiert. Ich habe mich einfach tot gestellt.“ Mit seiner passiven Haltung habe Fritz die Absicht der Vorarlberger Landesregierung, ihre 5000 Kleinwalstertaler mithilfe eines Tunnels heimzuholen, durchkreuzt, schrieb das renommierte Magazin weiter.
Für Toni Berchtold hätte das Tal seinen Reiz verloren. „Wir sind eine attraktive Tourismusregion ohne Durchzugsverkehr. Dass wir nur über Deutschland erreichbar sind, damit können wir leben.“
Ökologisch wäre das Projekt ein Wahnsinn gewesen.
Toni Berchtold



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