„Bildung schützt vor Rückfall“

Vorarlberg / 25.06.2015 • 20:23 Uhr
   
   

Das Wichtigste für den Therapieerfolg ist laut Kirsten Habedank die Motivation.

Meiningen. 1987 wurde der 26. Juni von den Vereinten Nationen zum „Internationalen Tag gegen Drogenmissbrauch und illegalen Drogenhandel“ erklärt. Dieser Tag soll ein Bewusstsein für die großen Probleme schaffen, die Drogen in der Gesellschaft darstellen. Auch Kristen Habedank, Leiterin der Therapiestation Lukasfeld in Meiningen, hält den Tag speziell in Bezug auf die aktuelle Bildungsdebatte für wichtig.

Heute ist Tag gegen den Drogenmissbrauch. Was bewegt sich da bei Ihnen?

Habedank: Grundsätzlich ist das Drogenproblem nach wie vor präsent, auch wenn die Zahlen bei den Opiatabhängigen rückläufig sind. Aber es nehmen die nichtsubstanzgebundenen Süchte zu. Konsum und Missbrauch sind also nach wie vor ein Thema.

Nützen solche Anlässe der Bewusstseinsbildung?

Habedank: Ich glaube, gerade in Bezug auf die aktuelle Bildungsdiskussion ist das wichtig. Menschen mit schlechter oder geringerer Bildung haben einfach ein größeres Risiko, dem Drogenkonsum zu verfallen. Auch sind die Chancen auf einen Therapieerfolg mit einer besseren Ausbildung sicherlich größer.

Kann Bildung vor Drogenkonsum schützen?

Habedank: Das heißt es nicht. Auch jemand mit guter Bildung kann drogenabhängig werden. Da spielen immer mehrere Faktoren eine Rolle. Arbeit, eine Wohnung und ein soziales Netz, das einen auffängt, schützen jedoch davor, nach einer Therapie wieder rückfällig zu werden.

Reichen die Möglichkeiten, um Betroffene adäquat zu behandeln?

Habedank: Ich würde meinen, die Möglichkeiten sind ausreichend. Die Entgiftungsstation läuft gut. Wir haben sechs zusätzliche Betten bekommen, die meist ausgelastet sind. Manchmal gibt es allerdings noch Engpässe. Wir haben auch viele Patienten aus anderen Bundesländern, die Wartezeiten auf einen Therapieplatz betragen um die drei Monate. Aber das ist im Rahmen.

Weichen noch Vorarlberger Patienten in andere Bundesländer aus?

Habedank: Für die Entgiftung eigentlich kaum mehr. Wir können alle Vorarlberger Patienten im Land betreuen.

Wovon hängt ab, ob jemand den Ausstieg aus der Sucht schafft?

Habedank: Das Wichtigste ist die Motivation und die Behandlung der hinter einer Drogensucht steckenden psychischen Probleme. Wenn jemand eine psychiatrische Erkrankung oder eine schwere Persönlichkeitsstörung hat, ist es schwieriger, von den Drogen wegzukommen. Oft löst auch die Drogensucht selbst Depressionen aus.

Hat sich in der Altersstruktur der Patienten etwas verändert?

Habedank: Tendenziell sind unsere Klienten etwas älter geworden. Das Durchschnittsalter im Entwöhnungsbereich liegt jetzt bei etwa 25, jenes im Entgiftungsbereich bei 31 Jahren.

Ist die Behandlung der älteren Patienten schwieriger?

Habedank: Das empfinde ich nicht so. Ich finde, sie sind reifer. Sie müssen sich nicht mehr mit Pubertätsfragen auseinandersetzen, und sie nehmen die Sache ernster.

Welche Rolle spielen Patienten mit Migrationshintergrund?

Habedank: Solche haben wir natürlich auch. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass 25 Prozent der Bevölkerung Migrationshintergrund haben, ist diese Gruppe eher unterrepräsentiert. Im vergangenen Jahr lag ihr Anteil bei 15 Prozent. Ein Grund ist, dass Personen mit Migrationshintergrund offenbar nicht so zu Drogenabhängigkeit neigen. Andererseits ist die Drogenabhängigkeit auf der Straße höher, die Betroffenen kommen aber nicht zu uns, sondern eher in die Beratungsstellen. Die haben einen Anteil von 30 Prozent. Das zeigt, dass eine Hürde zu höherstehenden Therapieeinrichtungen gegeben ist.

Überall ist von Ärztemangel die Rede. Spüren Sie den im Lukasfeld auch?

Habedank: Ich konnte zum Glück alle vier Stellen besetzen, sodass wir auch in Urlaubszeiten und bei Krankenständen gut über die Runden kommen.

Gibt es noch Wünsche an die Politik?

Habedank: Ich würde mir bessere Wohnmöglichkeiten für unsere Patienten wünschen, gerade im Anschluss an eine Therapie. Zudem sollte die Nachbetreuung durch uns ein Stück weit mitbegleitet werden, zumindest in der Phase bis zur Integration in ein drogenfreies Leben draußen. Derzeit arbeiten wir diesbezüglich mit den Beratungsstellen zusammen.

Ich meine, die Möglichkeiten zur Behandlung sind ausreichend.

Kirsten Habedank
„Bildung schützt vor Rückfall“

Fakten 2014

» 80 Prozent Auslastung

» 14 Entwöhnungsplätze, im Durchschnitt sind 12 belegt

» 6 Entgiftungsbetten

» 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

» 170 Aufnahmen, die Hälfte für Entgiftung

» Entgiftung: bis zu vier Wochen Aufenthalt möglich

» Entwöhnungsbereich: durchschnittlicher Aufenthalt 45 Tage, maximale Aufenthaltsdauer sechs Monate

Zur Person

Dr. Kirsten Habedank

Geboren: 30. Mai 1964 in Hamburg

Familienstand: verheiratet, 3 Kinder

Beruf: Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Leiterin der Therapiestation Lukasfeld

Hobbys: Bewegung in der Natur, Lesen, Kunst und Kultur