Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Einmischung

Vorarlberg / 21.09.2015 • 19:09 Uhr

Dass Hitler 1935 mit den Rassengesetzen eine grausame und in den Holocaust mündende Judenverfolgung begonnen hatte, hinderte ihn nicht daran, 1936 in Berlin die Olympischen Spiele abhalten zu dürfen. 1938 machte beim Einmarsch in Österreich außer Mexiko niemand einen auch nur symbolischen Mucks, und die Einverleibung des Sudetenlandes fand sogar die Zustimmung von Frankreich und England. Erst der Überfall auf Polen führte 1939 aufgrund von Beistandsverpflichtungen zu Kriegserklärungen durch die Westmächte. Die Sowjetunion kämpfte erst dann gegen Hitler, als sie 1941 selbst überfallen wurde, und zum Kriegseintritt der USA kam es erst nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbour und einer Kriegserklärung durch Deutschland.

Heutzutage könnte man sich eine solche Teilnahmslosigkeit der Weltöffentlichkeit nicht mehr vorstellen. Allerdings ist die Respektierung der Menschenrechte auch heute keine Voraussetzung für Olympische Spiele, und wenn ein Staat nur mächtig genug ist, legt sich auch der Weltpolizist USA mit ihm nicht an. Dafür genügt schon, wie in Nordkorea, der Besitz von Atomwaffen. Abgesehen davon werden Diktaturen seither nicht nur von innen, sondern auch von
außen bekämpft. Das kann – wie an den Satellitenstaaten der früheren Sowjetunion zu sehen war– durchaus auf friedliche Weise geschehen. Eine günstige Voraussetzung dafür ist es allerdings, an frühere, wenngleich oft nur schwache, demokratische Erfahrungen anknüpfen zu können.

Dass ein von außen betriebener Sturz eines Diktators die Freiheit von Diktatur zur Folge habe, hat sich inzwischen als verhängnisvolle Fehleinschätzung herausgestellt. Zudem kann man leicht vom Regen in die Traufe geraten. Als Osama bin Laden gegen die Sowjetunion kämpfte, wurde er von den USA unterstützt, und Saddam Hussein wurde als „zwar ein Hurensohn, aber unser Hurensohn“ lange in Ruhe gelassen. Ebenso wie in Libyen hat die Unterstützung von Aufständischen auch in diesen Ländern ein Chaos hinterlassen. Wer gegen einen Diktator kämpft, hat eben nicht immer hehre Ziele im Auge, sondern politische, religiöse und wirtschaftliche Interessen von an die Macht drängenden Clans. Und wenn die selbst geschaffenen Probleme zu groß werden, klopfen sich die Großmächte den Staub von der Uniform und ziehen sich zurück.

Aktuellstes Beispiel ist Syrien, wo die Unterstützung der gegen Assad auftretenden Rebellen letztlich die islamischen Terrormilizen groß gemacht hat. Und die christliche Minderheit in Syrien lebte unter Assad zwar auch nicht im Paradies, aber immerhin in Frieden, und ist jetzt in die Hölle geraten.

Man kann leicht vom Regen in die Traufe geraten.

juergen.weiss@vorarlbergernachrichten.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.