Langfristige Lösung gesucht

03.11.2015 • 18:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wie viele Bettler im Land sind, ist unbekannt. Foto: VN/Paulitsch
Wie viele Bettler im Land sind, ist unbekannt. Foto: VN/Paulitsch

Zunächst müsse erhoben werden, wie viele Roma es im Land gibt, erklärt die Expertin.

Schwarzach. Ein Bild, das Besucher großer Städte seit Jahren bekannt ist: Bettler sitzen in der Ecke, kauern unter Treppen, gehen durch die U-Bahn und führen schonungslos vor Augen: Es gibt Armut, mitten in Europa. Auch hier im Land. Das Rheintal in Vorarlberg wächst von Tag zu Tag enger zusammen, die Stadt Rheintal wird mit jedem Tag einen Schritt realer. Mit allem, was dazugehört. Auch Bettler. Ein Anblick, an den sich die Vorarlberger gewöhnen müssen, sagen Experten. Unter anderem Erika Geser-Engleitner von der Fachhochschule in Dornbirn. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und ist sich sicher: „Wir brauchen eine langfristige Strategie, wie wir damit umgehen.“

Roma aus Rumänien sind laut Geser-Engleitner klassische Wohlstandsverlierer, Produkte der Modernisierung. Mit der Marktwirtschaft hätten sie ihre Jobs verloren. „Die Menschen haben lernen müssen, wie sie in bitterer Armut und unter extremer Diskriminierung leben können“, erklärt die Soziologin. Dementsprechend hätten sie eine Wertehaltung entwickelt, die das Überleben ermögliche. Diese Haltung stehe allerdings diametral den bürgerlichen Vorarlberger Werten gegenüber, was zu Spannungen führt.

Keine gesicherten Zahlen

Die Expertin unterscheidet zwei Gruppen. Einerseits gibt es Roma, die seit Jahren durch Europa fliehen und eine neue Heimat suchen. Andererseits gibt es die, die hier sind, um Geld für die Heimat zu verdienen. Vorwiegend Frauen, während Männer in Rumänien als Tagelöhner arbeiten. Das wird so bleiben, weshalb langfristig gedacht werden müsse. Das Wichtigste sei erst einmal, zu erheben, wie viele Bettler in Vorarlberg sind: „Derzeit kursieren nur subjektive Zahlen. Die können stimmen, können aber auch falsch sein. Gesichert ist gar nichts. Darum ist eine Erfassung dringend notwendig“, sagt Geser-Engleitner. Woher die Bettler stammen, könne anhand der Strafverfügungen festgestellt werden, zumindest woher bestrafte Bettler kommen.

Für besagte Verfügungen ist die Exekutive zuständig. Laut Bezirkshauptmannschaft Dornbirn hätten diese zugenommen. Im Jahr 2014 gab es in diesem Bezirk 88 Verwaltungsstrafen, im Jahr 2015 sind es bis jetzt 204. Der Chef der Vorarlberger Polizeigewerkschaft, Eugen Lampert, bestätigt: „Es ist mehr geworden.“ Die Polizei steht zwischen den Stühlen: „Einerseits machen wir zu wenig, andererseits zu viel.“ Betteln sei grundsätzlich erlaubt, armen Menschen müsse man helfen. Aber die Polizei müsse nach dem Gesetz handeln: „Wenn eine Verfehlung da ist, gehen wir nach.“ Er ist sich sicher, dass einige seiner Kollegen deshalb in einen inneren Konflikt geraten. „Polizisten sind ja auch Menschen“, sagt Lampert.

VN-Stammtisch zum Thema

Mehr dazu hören Sie heute, Mittwoch, um 19 Uhr im Kolpinghaus in Dornbirn. Neben Eugen Lampert diskutieren Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker (Grüne), die Dornbirner Bürgermeisterin Andrea Kaufmann (ÖVP) und der Salzburger Experte Heinz Schoibl auf dem Podium. Dazu haben sich zahlreiche Experten im Publikum angekündigt, unter anderem Erika Geser-Engleitner.