Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Gefährlich verstimmt

Vorarlberg / 31.05.2016 • 19:06 Uhr

Das Gewitter entlud sich grad in dem Augenblick, als die Sängerin ihre Stimme erhob. Sie erschrak. Und mit ihr das Publikum. Blicke wandten sich besorgt nach oben. Es krachte und rollte in einem fort. Regen prasselte aufs Dach. Der Fado schien chancenlos. Aber anderthalb Stunden später trug die Musik den Sieg davon. Der Spuk war vorüber. Heiter schritt das Publikum durch eine seltsam reine, frisch gewaschene Nacht nach Hause. Weltuntergang? Ein paar Pfützen waren geblieben, mehr nicht.

 

So schnell können Stimmungen sich wandeln. Und so flüchtig sie scheinen, so stark gestalten sie die Welt. Erlösend, wenn etwa die eigene miese Stimmung umschlägt, kaum dass abends die passende Musik Entspannung schafft. Oder bedrückend: Schon mal erwacht nach einem unbestimmten Traum, ängstlich, niedergeschlagen, und dann die Stimmung nicht mehr losgeworden? Der ganze Tag ist im Eimer.

 

Die rapide sich ändernde Welt schafft vielen Menschen täglich einen solchen Morgen. Sie fragen sich, ob sie in der eigenen Gesellschaft noch zu Hause sind. Ihre Eltern und Großeltern waren es, ganz selbstverständlich. Aber sie fühlen sich wie in einem geschlossenen System allseitiger Abhängigkeiten gefangen. Es ist nicht vernünftig aufgebaut. Selbstsucht und Zufall führen Regie. Diese Mißtrauensgesellschaft fühlt sich hineingeworfen in die ungeheure Haltlosigkeit der Welt. Sie alle fürchten sich vor dem großen Gewitter. Hoffnung auf Sonnenschein hegen sie nicht. Wenn Kern & Co. Erfolg haben wollen, müssen sie diese Grundstimmung wenden.

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