Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Schlicht und echt

Vorarlberg / 12.07.2016 • 20:22 Uhr

… und dann spricht der Priester den Wettersegen. Nun war ihm während des Gottesdienstes gewiss nicht die unverminderte Aufmerksamkeit aller zuteil. Der junge Bursche in der vierten Bank etwa, der vermutlich mit elterlichem Nachdruck ohne Zwischenstopp vom Bezirksmusikfest zur Andacht beordert worden war, kämpft gleich mit der Trägheit zweier Augendeckel. Mancher lässt die Gedanken zum Mittagstisch schweifen oder schon weit voraus in die erste Ferienwoche. Die kleine Marie da vorn hat ohnedies ein stilles Einvernehmen mit dem Ministranten, das die gefalteten Hände kichernd überwindet.

Der alte Pfarrherr weiß das alles. Er lächelt milde. Aber jetzt, da er die Arme ausbreitet und von Unwetter, Hagel und Sturm spricht, da tritt mit einem Mal eine große Ernsthaftigkeit in die kleine Dorfkirche. Und man möchte wetten, dass ein jeder seine ganz persönliche Bitte einflicht ins Gebet. Für den kranken Freund, die Arbeit, für die Ehe, für daheim …

Es mag sein, dass der Zimmermannssohn aus Nazareth sich mitunter verwundert die Augen reibt, wenn er in Pontifikalgewändern mit Gold und Weihrauch, „mozärtlich“ elegant oder in der schmetternden Pracht eines Henry Purcell gepriesen und besungen wird. Vielleicht denkt er dann so bei sich: Und das ist also draus geworden … Aber diese großen und kleinen Bitten, ungelenk formuliert und hineingemurmelt in einen schlichten Sonntagmorgen, die, glaube ich, finden ihren Weg.

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