Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Einfach nur nichts tun

Vorarlberg / 27.09.2016 • 19:54 Uhr

Sie hatte sich den Augenblick des zur Ruhe Kommens schön ausgemalt. Weil ihr die Vorfreude ja niemand nehmen konnte. Die Zubereitung des Kaffees, das Schmieren der halben Semmel, die vom eilends verschlungenen Frühstück der Jungs übrig geblieben war, das Zurechtrücken des Kissens – all das geschah sorgsam, fast wie ein Ritus.

 

Als sie sich dann aber erschöpft in den Schaukelstuhl sinken ließ, erspähte sie noch in der Bewegung aus dem Augenwinkel heraus, dass der Boden gewischt werden musste. Auch die Zimmerpflanzen sahen bedürftig aus. Der Stapel Rechnungen auf dem Wohnzimmertisch brachte ihr die Sachzwänge der Buchhaltung in Erinnerung.

Und so schien ihr die längst verdiente Rast schon unbequem, noch ehe sie begonnen hatte. Der Schaukelstuhl wippte einmal zurück und nach vorn, und war wieder allein.

 

Einfach nur dasitzen und nichts tun. Es gibt Menschen, denen bereitet das mehr Ungemach als jede Arbeit. Nicht lesen oder Musik hören oder Fernsehschauen. Einfach nichts tun. Das klingt so leicht. Ist aber irre schwer. Sitzen und schauen. Ohne Ziel, ohne Aufgabe. „Das muss sich erst einer leisten können!“, schnaubt das schlechte Gewissen.

 

Und überhaupt: Was sollen denn die anderen denken? Ach, die anderen! Die wünschten sich in Wahrheit nichts anderes, als einmal an dieser köstlichen Erfahrung mitnaschen zu dürfen, dass die Welt nicht zerbirst, wenn wir sie für einen Augenblick von den Schultern nehmen.

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