Die eine und andere Not

Vorarlberg / 23.10.2016 • 18:47 Uhr
Klerikales Autoren-Duo: Bischof Benno Elbs (l.) und Caritasdirektor ­Michael Landau traten gemeinsam auf. Foto: VN/Paulitsch
Klerikales Autoren-Duo: Bischof Benno Elbs (l.) und Caritasdirektor ­Michael Landau traten gemeinsam auf. Foto: VN/Paulitsch

Caritas-Vertreter sehen nach wie vor guten Grundwasserspiegel der Nächstenliebe.

Bregenz. Das Flüchtlingsthema ist zum politischen und gesellschaftlichen Dauerbrenner geworden. Die einen haben genug von der Willkommenskultur, andere engagieren sich mit viel Herzblut für die Integration. Auch Caritasdirektor Michael Landau und Landesbischof Benno Elbs sehen in Letzterem die große Chance auf eine gerechte Gesellschaft.

Außenminister Sebastian Kurz hat einmal mehr vor einem Aufweichen der Obergrenze gewarnt. Was sagen Sie dazu?

Landau: Ich halte es für wichtig, zwei Dinge außer Streit zu stellen: Menschen, die Schutz suchen, sollen in Europa Schutz finden können. Nicht jeder, der Asyl beantragt, wird Asyl erhalten können, aber jeder hat ein Recht auf ein faires Verfahren. Asyl ist ein Menschenrecht, und Flucht ist kein Verbrechen. Und ich würde mir manchmal wünschen, dass es gelingt, die gleiche Energie, die wir in die Diskussion um Abschottung und Obergrenzen stecken, nicht in Not-, sondern in Solidaritätsverordnungen zu investieren. Wir werden mehr Europa brauchen und nicht weniger.

Elbs: Bei allen diesen Fragen geht es auch um die Grundhaltung. Und ich habe schon das Gefühl, dass es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, Menschen unterstützen zu wollen und ihnen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen. Für mich als Caritasbischof ist wichtig, dass diese Grundhaltung der Solidarität und der Hoffnung gegen Situationen der Verzweiflung, in die jeder geraten kann, gegeben ist.

Was braucht es in der Flüchtlingsfrage?

Landau: Ich würde mir wünschen, dass sich die Bundesregierung an der sachlichen Umsetzung der Bundesländer, und da nicht zuletzt auch an Vorarlberg, orientiert. Das heißt, unaufgeregt zu sagen, ja, wir sind gefordert im Bereich Integration, und was können wir tun, um Ziele außer Streit zu stellen und gemeinsam zu erreichen.

Es gibt viel Not auch im eigenen Land . . .

Landau: Ich verstehe Menschen, die Sorge haben, dass ihre Not vergessen wird. Ich denke an die vielen Arbeitslosen in ganz Österreich, an die Zukunft der Pflege, an den Zugang zur Bildung für Kinder aus sozial schwachen Familien. Alle diese Themen brauchen deutlich mehr Aufmerksamkeit, als sie heute erhalten. Es darf nicht die eine Not gegen die andere ausgespielt werden. Da wäre es gut, wenn die Bundesregierung einfach ihre Aufgabe tun würde.

Herr Landau, Sie thematisieren in Ihrem Buch die Solidarität. Wie strapazierfähig ist sie?

Landau: Ich glaube, unser Land hat einen guten Grundwasserspiegel der Solidarität und Nächstenliebe. Da geschieht ungeheuer viel, oft auch im Verborgenen, für Menschen, die einsam sind, die alt geworden sind, aber auch in ganz konkreten Notsituationen. Der Begriff erinnert uns daran, dass wir Verantwortung tragen für uns selbst und für andere. Denn ohne Du wird keiner zum Ich. Ebenso bedeutet Solidarität, dass wir in eine Schicksalsgemeinschaft eingewoben sind, aus der keiner ausgeschlossen werden darf, aus der sich aber auch keiner davonstehlen darf.

Flüchtlinge belasten auch die Budgets. Wie spendenfreudig ist Österreich noch?

Landau: Ich sehe an vielen Stellen sehr viel Solidarität. Menschen sind bereit, die Arbeit mitzutragen, im Gebet, im konkreten Einsatz, mit ihren Spenden.

Bischof Benno, in Ihrem Buch geht es zwar um die Familiensynode, es gibt darin aber die Formulierung „Kurs der offenen Türen“. Ließe sich die nicht auch auf die derzeitige Situation anwenden?

Elbs: In diesem Zusammenhang würde ich eher sagen „Kurs der offenen Herzen“. Die Familie ist die Schatztruhe einer Gesellschaft, weshalb natürlich auch die Familienzusammenführung ein menschliches Thema ist. Noch zum Spenden: Eine Währung ist der Euro, eine andere die Zeit. Und diese Währung spenden viele Leute im Umgang mit geflüchteten Menschen.

Hadern Sie manchmal mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt?

Landau: Nichts hemmt solidarisches Handeln so sehr wie Angst. Aber gerade in fordernden Zeiten ist es wichtig, auf das Positive zu schauen, das überall geschieht. Ja, es gibt Not, die bedrückt. Für mich ist das jedoch ein Aufruf dazu, sich damit nicht abzufinden, sondern den Beitrag zu leisten, den wir können. Und wir können erstaunlich viel, wenn wir es wollen.

Elbs: Die Konfrontation mit Leid und Tod stimmt auch mich traurig. Was mir persönlich hilft, ist der Blick auf Jesus, und da die Botschaft, dass er die Leidenswege von Menschen ganz konsequent mitgegangen ist. Ich werde oft mit der Frage konfrontiert, wo war Gott, als das und das passierte. Ich frage dann immer zurück: Und wo war der Mensch? Wir als Christen haben den Auftrag, diese Liebe und Solidarität zu leben und zu zeigen. Dass viele Menschen wirklich da sind, wenn Not da ist, ist auch etwas, das mich tröstet.