Bleiben nur die Sterne
War das schlurfende Etwas mit der Gesichtsfarbe eines Bettlakens etwa das Kind nach glücklich überlebter Silvesternacht? Die ersten Zweifel am so grundlegend anderen 2017 traten früh auf den Plan. Aber guter Rat ist bekanntlich teuer. Fakten sind sowieso out. Die hat 2016 auf dem Gewissen. Dann vielleicht Meinungsforscher? Gott bewahre! Die helfen allenfalls, wenn man sich am Gegenteil ihrer Vorhersagen orientiert. Bleiben nur die Sterndeuter. Die haben Hochkonjunktur. Wissen einfach alles. Und damit sind nicht etwa jene drei Magier aus dem Morgenland gemeint, die am Freitag in den Krippen pünktlich wieder an ihr Ziel kommen.
Wer heute dem Firmament vertraut, wäre mit einem Stern deutlich untermotorisiert. Bei dem ganzen Gewusel aus Aszendenten und Aspekten! Das Tierkreiszeichen Steinbock etwa, das gerade an der Reihe ist, zählt je nach Lesart bis zu 30 Sterne. Die ziehen zwar Lichtjahre entfernt ihre Bahn. Ihnen das Lebensglück von Tante Friede abzulesen, mutet etwa so abenteuerlich an wie Donald Trumps Erklärung der Umweltverschmutzung. Aber sei’s drum. Wenn keiner hinsieht, blättern selbst die vernünftigsten Menschen im Jahreshoroskop. Man möchte halt zu gerne wissen, was uns da so ins Haus steht.
Das bleibt freilich ein Geheimnis. Selbst, ob die drei Weisen aus dem Morgenland, die der Evangelist Matthäus an die Krippe treten lässt, wirklich einem Himmelsphänomen gefolgt sind, steht in den Sternen. Der Evangelist bleibt kryptisch. Er lässt sie nach einem neugeborenen König fragen, denn „wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen“. Könnte also gut sein, dass sie statt eines Sterns ihrer eigenen Hoffnung gefolgt sind und so fest daran glaubten, dass sie mit all der Liebe belohnt wurden, die einer Geburt innewohnt. Wäre doch auch nicht schlecht, oder?
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