Straßenbau als falscher Weg

25.01.2017 • 20:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Naturschutzratsleiterin ist sich sicher: Straßen verlagern das Problem, lösen es aber nicht.

Wien, Bregenz. Die Wiener Universitätsprofessorin Gerlind Weber wurde kürzlich zur neuen Leiterin des Vorarlberger Naturschutzrates gewählt. Im VN-Interview ergreift sie für die Natur Partei – in Sachen S18, in Sachen Tourismus und in Sachen Landesgrünzone. Und damit in der Diskussion über den Ölz-Standort in Weiler.

Naturschutz ist ein Kampf mit den Interessen von Wirtschaft, Landwirtschaft und Politik. Wo sehen Sie die Rolle des Naturschutzrates?

Weber: Der Naturschutzrat muss Partei für die Natur ergreifen. Wir geben denen eine Stimme, die selbst keine haben, wie Flora, Fauna und Landschaft. Das ist früher oft zu kurz gekommen.

Interessen der Natur werden also zu wenig berücksichtigt?

Weber: Formell gesehen nicht. In den Abwägungen rücken aber oft kurzfristige Interessen wie Wirtschaftsinteressen in den Vordergrund. Der Schutz der Natur ist aber ein langfristiges Anliegen.

Vorarlberg diskutiert über ein Stück Landesgrünzone, auf dem die Großbäckerei Ölz bauen will. Wie starr ist die Zone?

Weber: Es war eine Großtat, als man in den 70er-Jahren die Weichen für die Grünzone gestellt hat und sich auf einen Bereich einigte, der auf lange Sicht unantastbar sein soll. Zwischen Grünzone und Siedlungsrand beließ man einen großen Bereich für Erweiterungsflächen. Rückblickend ist man damit nicht sehr haushälterisch umgegangen, weshalb der Bebauungsdruck plötzlich vor der Tür der Grünzone stand.

Darf dem Druck nachgegeben werden?

Weber: Das ist eine prinzipielle Frage. Die Position des Naturschutzrates muss immer sein, die Grünzone ohne Wenn und Aber zu erhalten.

Also keine Kompromisse?

Weber: Die Grünzone wurde immer wieder durchbrochen, wenn es um Interessen der öffentlichen Hand ging. Als Beispiel fällt mir der Güterbahnhof in Wolfurt ein. In Weiler steht aber ein unternehmerisches Interesse dahinter, keines der Allgemeinheit. Da muss man unterscheiden. Die Interessen Einzelner müssen hintangestellt werden.

Straßen sind im Interesse der Allgemeinheit. Wäre ein S18-Nachfolger kompromissfähig?

Weber: Bei Straßenbauprojekten sieht man, das sie nicht zielführend sind. In dem Moment, in dem eine Straße errichtet wird, steigt das Verkehrsaufkommen. Es kann nicht zielführend sein, diesen Regelkreis ständig neu zu befeuern. Außerdem gibt es große Aufgaben wie die Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes sicherzustellen, da müssen wir restriktiv denken. Ein neues Straßenprojekt in dieser Größe wäre ein Rückgriff in die Vergangenheit, als man geglaubt hat, so Verkehrsprobleme lösen zu können.

Die verkehrsgeplagte Lustenauer Bevölkerung würde das anders sehen.

Weber:  Das ist immer ein Konfliktfeld. Wir sprechen hier von Verkehrsverlagerung, nicht von Verkehrslösung. Aber wenn ich den Verkehr mit einer neuen Schnellstraße verlagere, schaffe ich neue Impulse zur Erschließung, zum Beispiel für Betriebsansiedlungen. Das ist ein Schwungrad, dass man selbst antreibt, und zwar in die falsche Richtung.

Auch im Wintertourismus matchen sich Naturschutz und wirtschaftliches Interesse. Wann ist die Grenze erreicht?

Weber: Das muss man im Einzelfall prüfen. Touristiker sollten das richtige Maß nicht verlieren und auf die Qualität achten. Müssen wir alle Pisten als Autobahn gestalten? Muss jeder, auch wenn er noch so unsportlich ist, mit Hunderten Kilometern Piste bedient werden? Sollten nicht das Naturerlebnis und eine gewisse skifahrerische Herausforderung in den Vordergrund rücken?

Sie haben einmal gesagt, Naturschutz bedeute ein Verschlechterungsverbot. Werden Naturschützer zu oft als Neinsager wahrgenommen?

Weber: Ja, und das ist ein fatales Bild. Der Naturschutz muss sich deklarieren, kann im Einzelfall aber kompromissbereit sein. Wir haben große Hausaufgaben zu erledingen, wie die Energieautonomie und die Bekämpfung des Klimawandels. Das sind keine freiwilligen Übungen der Gesellschaft, sondern Pflichtaufgaben. In diesem Spannungsfeld soll der Naturschutz die positive treibende Kraft sein.

Zur Person

Univ.-Prof. Dr. Gerlind Weber,

neue Leiterin des Vorarlberger Naturschutzrates

Geboren: 25. Mai 1952

Beruf: Professorin im Ruhestand der Boku Wien

Laufbahn: Studien der Soziologie, Raumplanung und Rechtswissenschaften, 21 Jahre lang Leiterin des Instituts für Raumplanung und ländliche Ordnung (IRUB), zehn Jahre Präsidentin des Ökosozialen Forums, Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung