„Man wacht nun langsam auf“

10.04.2017 • 19:18 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Neci Gönay ist sich sicher, dass die Menschen in Vorarlberg seit einigen Jahren aufeinander zugehen.  Foto: VN/Hofmeister
Neci Gönay ist sich sicher, dass die Menschen in Vorarlberg seit einigen Jahren aufeinander zugehen. Foto: VN/Hofmeister

JVP-Geschäftsführerin Neci Gönay spricht über die Integrationsfehler in der Vergangenheit.

Schwarzach. Neci Gönay kam vor 28 Jahren in Vorarlberg zur Welt. Sie ist ÖVP-Mitglied, im Jugend- und Integrationsausschuss in Bregenz und Geschäftsführerin der Jungen ÖVP in Vorarlberg. Dennoch wird sie von Außenstehenden als Türkin wahrgenommen. Mit den VN sprach sie über Integration, türkische Fernsehsender und den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Wie oft müssen Sie sich für das rechtfertigen, was in der Türkei passiert?

Gönay: In letzter Zeit oft. Aber ich antworte immer, dass ich mit den Geschehnissen in der Türkei nichts zu tun habe. Das wäre, als würde ich Sie fragen, wie Sie Kim Jong-uns Politik finden.

Ich hätte eine klare Meinung dazu.

Gönay: Das ist ja gut. Aber dann fragen andere sicher, wie Sie das beurteilen wollen, wenn Sie nicht einmal dort lebten? Ich sehe das jedenfalls so.

Wie hätten Sie denn beim Verfassungsreferendum abgestimmt, wenn Sie gekonnt hätten?

Gönay: Das ist eine schwierige Frage. Wahrscheinlich mit Nein. Aber ich kann nicht abstimmen und habe mit der türkischen Politik nichts zu tun. Und bei Dingen, bei denen ich mich nicht richtig auskenne, fällt es mir schwer, Ja oder Nein zu sagen. Das Thema wird sehr emotional diskutiert, die Graustufen fehlen völlig. Es gibt nur Schwarz oder Weiß, auch bei mir in der Familie.

Wie informiert sich Ihre Familie über die Situation in der Türkei?

Gönay: Verwandte aus der Türkei schildern die Lage. Und natürlich schauen sie türkische Nachrichtensender.

Integrationsexperten sehen es als Problem, dass sich viele Türken, die schon lange hier leben, ausschließlich via türkisches Fernsehen informieren.

Gönay: Wir Junge fragen uns oft, was in der Integration schiefgelaufen ist. Ich glaube, man hat die Menschen zu lange sich selbst überlassen. Jetzt wacht man langsam auf und fragt sich, wie es sein kann, dass sich manche immer noch der Türkei verbunden fühlen und sich weniger für die österreichische Politik interessieren.

Es wurden also Fehler gemacht?

Gönay: Man hat in der Vergangenheit verpasst, die Menschen abzuholen. Die Nachkommen werden jetzt gefragt, weshalb die Integration nicht geklappt hat. Und sie antworten: Wir haben gedacht, ihr könnt uns das sagen. Ich finde es schade, dass man immer das Trennende herausstreicht. Man muss nicht skeptischer werden, schon gar nicht gegenüber dem Nachbarn, der schon 20 Jahre hier wohnt. Vielleicht muss man auch einmal selber einen Schritt auf den anderen zugehen, anstatt das nur zu erwarten.

Geschieht das nicht?

Gönay: Man hat zu lange zugeschaut. Aber langsam ändert es sich. Wenn ich mir die ganzen Kermes ansehe, da gehen auch viele Vorarlberger hin. Das war vor fünf Jahren noch nicht so. So traurig es klingt, vielleicht hat es solche Vorfälle und Diskussionen einfach gebraucht, damit die Leute wirklich etwas tun.

Sehen Sie sich als Teil der türkischen Community im Land?

Gönay: Das nimmt jeder anders wahr. Ich komme aus Ordu. Hier haben sich ein paar Dutzend Leute kennengelernt, die ebenfalls aus Ordu stammen. Nun trifft man sich. Nächsten Monat bin ich zum ersten Mal dabei. Daneben gibt es meinen Freundeskreis, der sehr international ist. Auch türkische Freunde sind darunter. Und dann habe ich meine Familie. Von der Lebensweise gibt’s ja eigentlich keinen Unterschied.

Unterschied zwischen den Gruppen?

Gönay: Jeder geht seiner Arbeit nach, macht eine Ausbildung, geht in die Schule, tut eigentlich das Gleiche wie alle anderen in Vorarlberg auch. Die Wahrnehmung von außen ist aber ein bisschen anders. Das wird mir manchmal bewusst.

Wie?

Gönay: Wir waren kürzlich bowlen. Als ich dran war, haben mich meine Arbeitskollegen angefeuert. Neben uns hat eine Gruppe gespielt, die meinen Chef fragte: Neci ist aber kein Vorarlberger Name, das ist doch außergewöhnlich für die ÖVP. In solchen Momenten wird einem bewusst, dass die äußere Wahrnehmung anders ist als die eigene. Schließlich komme ich aus Bregenz und bin Vorarlbergerin.

Sie haben vorhin gesagt, Sie kommen aus Ordu …

Gönay: Ich fühle mich als Vorarlbergerin, ich bin hier geboren. Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, und ich antworte, dass ich aus Bregenz bin, fragen die Leute: Und woher kommst du wirklich? Mittlerweile habe ich mir wohl angewöhnt, gleich zu sagen, dass ich aus Ordu bin. Aber ich bin natürlich Bregenzerin.

Zur Person

Neci Gönay

Geschäftsführerin der Jungen Volkspartei (JVP) Vorarlberg

Geboren: 17. Oktober 1988

Wohnort: Bregenz

Laufbahn: Seit 2009 Mitglied in ÖVP und JVP, Ersatzstadtvertreterin in Bregenz, Mitglied Jugend- und Integrationsausschuss in Bregenz,
seit 2012 JVP-Geschäftsführerin