Frost setzt Bauern schachmatt

21.04.2017 • 19:51 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das ganze Ausmaß der Schäden wird an diesen erfrorenen Blüten deutlich. 
Das ganze Ausmaß der Schäden wird an diesen erfrorenen Blüten deutlich. 

Zwei Nächte mit Temperaturen deutlich unter null zerstören fast gesamte Obsternte.

Bregenz, Gaißau, Schwarzach. Der Tag erstrahlt in majestätischer Optik. Sonne, blauer Himmel, bunte Farben in der Natur. Doch dafür hat der Bregenzer Winzer Josef Möth (42) an diesem Morgen in seinem Weinberg kein Auge. Sein Herz ist schwer und das aus gutem Grund. „Schau dir das an.“ Möth zwickt einen Trieb vom Ast eines Rebstocks ab und zerreibt die dürre Substanz zwischen zwei Fingern. „Alles erfroren. Und tun kannst du dagegen nichts.“ In Momenten wie diesen würde Möth am liebsten alles hinschmeißen. Immerhin: Ein paar gesunde Triebe findet der sonst so lebenslustige Weinbauer auch noch. Vielleicht einen unter vier. Dazu auch einige noch „lebende“ Beiaugen, das sind die zweiten Triebe einer Knospe.

Kein Einkommen

Trotzdem: „Ich schätze, dass schon jetzt rund 80 Prozent Ernteausfall Realität sind. Und das Ende April. Wenn du weißt, wie viele Gefahren auf die Trauben bis zur Lese noch lauern, ist das deprimierend.“ Möth ist sich bewusst: Er wird in diesem Jahr praktisch nichts verdienen, obwohl er viel gearbeitet hat und weiterhin alles versucht, auf seinen dreieinhalb Hektar Anbaufläche zu retten, was noch zu retten ist. Für Möth, wie für viele andere Winzer, ist es das dritte schlechte Jahr nacheinander. Frost, Hagel, Regen – die Natur bringt jene zur Verzweiflung, die von ihr leben. Leben müssen. Josef Möth produziert in einem normalen Jahr 12.000 Liter Wein, hauptsächlich weißen. „Wenn ich heuer noch 4000 schaffen würde, wäre es das höchste der Gefühle.“ Schauplatzwechsel nach Gaißau. Dort schüttelt Obstbauer Manfred Nägele den Kopf. „Es ist ein Totalausfall. Schon die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war fatal. Die von Donnersag auf Freitag gab den austreibenden Knospen den Rest“, bilanziert der 74-Jährige. Seit fast 60 Jahren baut er auf einem Hektar Fläche Äpfel, Birnen, Kirschen und Zwetschken an. So etwas hat er noch nicht erlebt. „Ich bin ja Gott sei Dank Pensionist und muss nicht vom Obstbau leben. Dennoch habe ich auch heuer Geld und Zeit investiert, für nichts.“

Worst Case

Für den Obstbaureferenten der Landwirtschaftskammer, Ulrich Höfert (54), ist die Dokumentation des Worst Case eines Erntejahrs eine traurige Pflicht. „Ehrlich gesagt, habe ich fast ein schlechtes Gewissen. Während ich mein Gehalt sicher habe, muss ich Obstbauern erleben, denen es heuer die Einnahmequelle weggefroren hat.“ Kirschen, Äpfel, Birnen, Zwetschken, Quitten und andere Obstsorten hat der Frost fast vollständig hingerafft. Immerhin konnten Beerenbauern, die neben dem Vlies noch einen Folienschutz anbrachten, viele ihrer Früchte retten. „Eine endgültige Bilanz über das gesamte Ausmaß der Schäden werden wir natürlich erst in ein paar Tagen erstellen können“, weiß Höfert. Auch für ihn ist dieses Jahr eine ganz besondere Erfahrung. Dabei hatten sich bis vor Kurzem alle noch vor dem Feuerbrand gefürchtet. Doch der kann der Obsternte nun heuer nichts mehr anhaben: Weil es sie nicht mehr gibt.

Ich habe fast ein schlechtes Gewissen. Mein Gehalt ist sicher, jenes der Obstbauern ist erfroren.

Ulrich Höfert
Josef Möth in seinem Weinberg. Der Frost hat den Winzer in eine bedrohliche Situation gebracht. Fotos: VN/Steurer
Josef Möth in seinem Weinberg. Der Frost hat den Winzer in eine bedrohliche Situation gebracht. Fotos: VN/Steurer