Plädoyer für Barrierefreiheit

Vorarlberg / 27.06.2017 • 19:07 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Staudinger (l.) und Hofer fordern Förderungen für Wohnungen und Häuser, die barriereifrei saniert werden. Foto: Stiplovsek
Staudinger (l.) und Hofer fordern Förderungen für Wohnungen und Häuser, die barriereifrei saniert werden. Foto: Stiplovsek

Österreichs Behindertenanwalt Hofer kritisiert den Liftverzicht bei „Wohnen 500“.

Bregenz. Hansjörg Hofer ist Österreichs neuer Behindertenanwalt. Am Dienstag stattete er zusammen mit Martin Staudinger, Leiter des Sozialministeriumsservice, den VN einen Besuch ab. Im Interview sprachen sie über die Jobsituation von Menschen mit Behinderung und weshalb das Sonderwohnbauprogramm einen falschen Ansatz verfolgt.

2006 trat das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft. Seit 2016 muss die Öffentlichkeit barrierefrei sein. Ist sie das?

Hofer: Der öffentliche Dienst hat viel getan, die öffentlichen Gebäude sind weitgehend barrierefrei. Im privaten Bereich, wo Kundenkontakt stattfindet, fehlt noch einiges. Aber zumindest das Bewusstsein, dass etwas getan werden muss, ist vorhanden. Ich möchte das noch stärken.

Sie meinen das Bewusstsein, dass es Barrierefreiheit braucht?

Hofer: Ich möchte nicht nur auf die Notwendigkeit für zehn Prozent der Bevölkerung hinweisen, sondern auch auf die Chance der restlichen 90 Prozent. Jeder profitiert von Barrierefreiheit. Ich muss keinen Kinderwagen heben und keine Einkaufstaschen tragen, wenn es einen Lift gibt.

Vorarlberg versucht gerade, günstigere Wohnungen zu bauen und verzichtet dabei auf Lifte.

Hofer: Studien in Deutschland und der Schweiz zeigen, dass Barrierefreiheit, wenn sie von Anfang an geplant wird, zwischen 0,3 und drei Prozent mehr kostet. Man kann leistbares Wohnen auch barrierefrei anbieten. Es ist diskriminierend, wenn leistbares Wohnen jenen Menschen verunmöglicht wird, die durchschnittlich wenig Geld haben.

Also ist „Wohnen 500“ diskriminierend?

Hofer: Ja.

Staudinger: Da wird wahrscheinlich an der falschen Stelle gespart. Wir reden nicht nur über Rollstühle, sondern über Lebensphasen. Egal, in welcher Phase ich bin, ob ich Kinder habe, ob ich älter werde, ob ich verletzt bin, jeder kann immer Barrierefreiheit brauchen.

Hofer: Außerdem will ich auch jemanden besuchen dürfen. Wie meine Eltern, die oben wohnen. Ohne Lift bin ich ausgesperrt.

Barrierefreiheit betrifft also alle?

Hofer: Potenziell alle.

Staudinger: Im Sozialsystem geben wir momentan die falschen Anreize. Wenn jemand Pflegegeld beantragt, und ohne Lift im vierten Stock wohnt, erhält er mehr. Wenn er umbaut und investiert, könnte das Pflegegeld sinken. Umgekehrt wird der Umbau zu wenig gefördert. Das steht zwar nicht erst seit 2013 im Regierungsprogramm, man ist vom thermischen Sanieren aber nie abgekommen.

Hofer: Ich habe erst am Montag mit dem Finanzminister darüber gesprochen. Ich hätte gerne, dass jemand steuerlich begünstigt wird, wenn er seine Wohnung oder sein Haus barrierefrei umbaut.

Was hat er geantwortet?

Hofer: Es war eine eher vorsichtige, ausweichende Antwort. Da kommt nicht viel heraus, obwohl die bevorstehende Wahl eine Chance bietet, so einen Vorschlag ins Programm zu nehmen.

Staudinger: Damit würde man Arbeitsplätze schaffen, der Wirtschaft neue Impulse geben, Menschen ein längeres selbstbestimmtes Leben ermöglichen und so das Sozialbudget entlasten.

Wie sieht eigentlich die Job­situation aus?

Hofer: Die Arbeitslosigkeit bei Menschen mit Behinderung ist sehr hoch und sie steigt. Ich plädiere für eine Erhöhung der Ausgleichstaxe (Strafe für größere Unternehmen, die zu wenige Menschen mit Behinderung einstellen, Anm.). Sie beträgt im niedrigsten Fall 300 Euro. Gleichzeitig soll ein Anreizsystem geschaffen werden, zum Beispiel durch eine befristete Steuererleichterung.

Staudinger: Es gibt schon viele Anreize, viele Unternehmen kennen sie aber nicht.

Hofer: Die Öffentlichkeit sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Der Bund und die meisten Länder beschäftigen ausreichend Menschen mit Behinderung. Nur Tirol und Vorarlberg tun das nicht.

Wie hat sich die Sprache im Umgang mit Menschen mit Behinderung verändert?

Hofer: Den Ausdruck „an den Rollstuhl gefesselt sein“ gibt es nicht mehr so häufig wie früher, das Bewusstsein ist gestiegen. Medien spielen eine wichtige Rolle. Menschen mit Behinderung kommen meistens als Held oder als Opfer vor. Aber viele sind ganz normale Menschen, die weder Opfer noch Held sind oder sein wollen. Trotzdem können sie interessant sein, es darf aber nicht der Rollstuhl in den Mittelpunkt gestellt werden.

Barrierefreies Bauen kostet zwischen 0,3 und drei Prozent mehr.

Hansjörg Hofer

Zur Person

Dr. Hansjörg Hofer

Seit 5. Mai Österreichs Behindertenanwalt

Geboren: 24. April 1959

Ausbildung: Promovierter Jurist

Laufbahn: Seit 1985 im Sozialministerium, stellvertretender Sektionsleiter. Ab 2012 im Menschenrechtsbeirat der Volksanwaltschaft

Familie: verheiratet, zwei Kinder