Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Ein Kind zieht aus

Vorarlberg / 15.08.2017 • 18:33 Uhr

Das Kind zieht aus. Herrgott, das ist doch der normalste Vorgang der Welt. Kinder werden geboren, wachsen heran, werden flügge. Wunderbar. Und dann diese wiedergewonnenen Bewegungsspielräume! Sogar das Badezimmer ist plötzlich frei und der andere Rückzugsraum mit fließendem Wasser zählt auch nicht mehr zum besetzten Gebiet. Jetzt fängt das Leben erst an! Weil: Das Kind zieht aus.

Es hätte ja auch bleiben können. Schon gelesen? In Kroatien gehen die erst mit 33! Echt! Da schlurft dann so ein vollbärtiger Mitdreißiger vom Kinderzimmer zum Kühlschrank und mit einer Bierflasche wieder zurück. Grußlos, aber mit iPad in der Tasche des Morgenmantels. Entsetzlich! Nein, das Kind zieht aus.

Das heißt, eigentlich ist es schon ausgezogen. Trotzdem hat man inzwischen vier Mal beiläufig in seinem Zimmer vorbeigeschaut, nur so auf einen Plausch. Aber da war niemand mehr. Ach richtig, wohnt ja jetzt woanders. Deshalb ist auch der Schuhsalat in der Garderobe verschwunden … und fehlt. Zum Glück sind Männer nicht sentimental. Pragmatisch erkennen sie die Vorteile. Niemand wildert mehr in Papas Weinvorräten. Das muss begossen werden. Also frisch in den Keller gestiegen und dann vor dem Regal nicht mehr gewusst, weshalb. Aber auf dem Rückweg an der Sportjacke geschnüffelt. Hat das Kind vergessen. Das morgen zu Besuch kommt. Gott sei Dank.

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