Poesie des Alltags
Ausgerechnet die Japaner, die als die Preußen Asiens gelten, eilen uns zu Hilfe: Uns Harmoniesüchtigen, die den perfekten Heiligabend auch heuer nicht erleben werden; uns Deko-Fetischisten, die dem Tannenzweig mit Nagelschere und Kunstschnee ihren Willen aufzwingen; den Opfern des Schlankheitswahns und des Modediktats. Alle, die solcherart mühselig und beladen sind, finden im japanischen „Wabi Sabi“ Erlösung.
„Wabi Sabi“ erhebt den Makel zur Kür. Nur was eine sichtbare Geschichte vorweisen kann, gilt wirklich als schön. Authentizität ersetzt die Pflicht zur Vollkommenheit. Ein Kratzer, ein Riss, eine Delle offenbaren die Poesie des Alltags. Die sterilen Massenprodukte bleiben da seltsam blass.
Solches wussten die Japaner schon im 16. Jahrhundert. Wenn damals ein Gefäß zerbrach, wurde es nicht weggeworfen, sondern gut sichtbar geflickt. Mitunter sogar mit flüssigem Gold, sodass der Makel nun als Kostbarstes hervortrat. Wer dessen eingedenk das Unwort des Jahres küren wollte, käme an „Perfektion“ nicht vorbei.
Thomas Matt
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