Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Entwertet

01.05.2018 • 18:42 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Obwohl die Arbeit in aller Munde ist, ist der Tag der Arbeit grad so aus der Mode gekommen wie das Briefpapier, das manche Hotels noch immer ihren Gästen offerieren. Blütenweiße Bogen lägen bereit, aber keiner weiß mehr mit Kuverts und Briefen umzugehen. Gut, manche stecken die Kugelschreiber ein, immerhin.

Den ersten Mai verbrachten die allermeisten faulenzend zu Hause, mit Freunden, bei Kaffee und Kuchen – er war ja frei. Und das millionenstarke Heer der Werktätigen? Es hat in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Museen seine ewige Ruhe gefunden. Ja geht denn die Arbeiter von heute ihre Arbeit nichts an? 

Fast möchte man glauben: Stellte man in großen alten Hotelkästen heute am Abend die Schuhe vor die Tür, sie würden uns am Morgen glänzend geputzt erwarten. Aber das tut natürlich niemand. Wir vertrauen den Heinzelmännchen, die früher so ihr Geld verdienten, so wenig, wie wir der Arbeit wegen auf die Straße gehen. So wirkt der 1. Mai allen Trillerpfeifen zum Trotz wie ein Relikt, ähnlich dem Briefpapier, dem die handgeschriebene Botschaft abhanden gekommen ist. Im digitalen Zeitalter gäbe ein Tag allein der Arbeit auch ihre Würde kaum zurück, die wir ihr gestohlen haben, indem wir sie zum notwendigen Übel auf dem Weg in die immerwährenden Verlockungen der Konsum- und Freizeitindustrie degradierten.

Thomas Matt

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