BH-Chef Wurzer: „Es ist nicht mehr so, wie es war“

Vorarlberg / 15.03.2019 • 18:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
VN/Stiplovsek
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Bezirkshauptmann Helgar Wurzer spricht imVN-Interview über den Mord in seiner Behörde, die Sicherheitsschleusen und die Zukunft der Bezirkshauptmannschaften.

Dornbirn Am 6. Februar erschütterte eine Bluttat in der Bezirkshauptmannschaft (BH) Dornbirn das Land. Der Leiter der Sozialabteilung wurde von einem  34-jährigen Mann erstochen, er sitzt derzeit in Untersuchungshaft. Sechs Wochen sind seitdem vergangenen. Während die Bundespolitik mittlerweile über Asylgesetze diskutiert, wurden in Vorarlbergs Behörden Kontrollen wie am Flughafen eingeführt. Dornbirns Bezirkshauptmann Helgar Wurzer spricht im VN-Interview über die Zeit nach dem Mord, den Umgang mit den neuen Barrieren und die Zukunft der Bezirkshauptmannschaften.

Ist wieder Alltag eingekehrt?

Was die Arbeit anbelangt schon. Der Parteienverkehr funktioniert routinemäßig. Aber wir alle spüren, dass es nicht mehr so ist, wie es vorher war.

Was hat sich verändert?

Auch vor dem furchtbaren Mord gab es manchmal ein schlechtes Gefühl, wenn wir mit aggressiven Leuten zu tun hatten. Aber die Mitarbeiter haben sich bisher nie ernsthaft Sorgen um ihr Leben gemacht. Plötzlich ist es in den Bereich der Realität gerutscht. Man merkt viel Unsicherheit. Dazu kommen die technischen Fragen der Sicherheit.

Was bedeutet die Sicherheitsschleuse für Ihre Arbeit?

Wir müssen zwischen Sicherheit und Bürgernähe abwägen. Vorher sind die Kunden einfach reingekommen und wir haben auch außerhalb des Parteienverkehrs geholfen. Jetzt geht das nicht mehr so einfach. Unten steht ein Sicherheitsdienst, man muss durch eine Schleuse, bald kommt ein Röntgengerät wie am Flughafen dazu.

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Auf Kosten der Bürgernähe?

Auch mit dem Signal, dass wir kein offenes Haus mehr sind. Mit dem haben wir schon Mühe. 50 Jahre lang wollten wir ein offenes Haus sein. Die wichtigste Frage war immer, wie wir bürgerfreundlicher werden können. Jetzt schränken wir Parteienverkehrszeiten ein. Wir dürfen nur noch jemanden reinlassen, wenn ein Security da ist. Das wiederum ist eine Frage der Kosten.

Ist die Schleuse notwendig?

Wenn man eine gewisse Sicherheit bieten will, brauchen wir sie. Vor allem wenn man sieht, dass immer wieder Personen mit Messern und anderen Dingen daherkommen.

Wurden also schon viele Messer abgenommen?

An manchen Tagen können es drei sein, an anderen zehn. Es hat uns überrascht, wie viele Menschen ein Messer mit sich führen, auch wenn es sich oft um Sackmesser und solche Dinge handelt.

Sind Ihre Mitarbeiter oft mit Aggressionen konfrontiert?

Ja, in vielen Abteilungen. Das fängt bei der Polizeiabteilung an, wenn man jemandem den Führerschein nehmen muss. Das kann in der Kinder- und Jugendhilfe sein, wo es um Kindesabnahmen geht oder in der Gesundheitsabteilung, in der Sozialabteilung oder in der Wirtschaftsabteilung, wo Vollstreckungssachen Thema sind.

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Dafür ist lange nichts passiert.

Die BH Dornbirn ist heuer 50 Jahre alt. In dieser Zeit ist eigentlich nichts passiert. Es kam zwar oft zu verbalen Entgleisungen, manchmal musste die Polizei gerufen werden. Aber unsere Leute haben sich immer in Sicherheit gefühlt.

Dieses Gefühl ist jetzt weg?

Momentan schon.

Zieht die Politik mit der Sicherungshaft die richtigen Schlüsse?

Das ist eine politische Entscheidung, aber nicht unser Thema. Uns geht es darum, wie wir Mitarbeiter vor Aggressionen schützen können. Das ist nicht auf Asyl eingeschränkt, wir haben mit vielen Österreichern zu tun. Jede Haft, auch die Sicherungshaft, ist zeitlich befristet. Was geschieht danach? Sie kommen oft nach der Haft irgendwann zu uns. Diese Fragen beschäftigen uns. Die Sicherungshaft verhindert nicht auf Dauer solche Taten.

Behördengänge werden digitaler, hat die BH noch Zukunft? Sollten BH zusammengelegt werden?

Zum derzeitigen Standpunkt ist es richtig, dass es vier BH gibt. Ich will jedoch nicht ausschließen, dass es in der Zukunft einmal anders ist. Man würde aber nicht viel sparen, wenn man die Anzahl der BH reduziert. Die Digitalisierung wird noch eine ganz starke Rolle spielen. Ein normaler Bürger muss zudem selten in die BH, vielleicht einmal einen Führerschein oder Pass abholen.

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Warum braucht es die BH noch?

Wir brauchen für Entscheidungen oft gute Ortskenntnisse. Beim Umweltschutz zum Beispiel. Wir können auch schnell vor Ort sein. Bei der Kinder- und Jugendhilfe ist außerdem wichtig, dass unsere Mitarbeiter die Lehrer und die Kindergärten kennen.

Sind Sie mit der Infrastruktur zufrieden?

Nein. Das Gebäude ist 50 Jahre alt, schon ziemlich abgewohnt und energetisch nicht mehr zeitgemäß. Zudem sind wir auf drei Standorte verteilt: Hier, im Hochhaus daneben und in der Nähe vom Bahnhof Schoren. Das ist organisatorisch und sicherheitstechnisch nicht einfach. Muss ich überall Securitys stationieren? Deshalb sollte man sich eher heute als morgen eine Lösung überlegen.

Wenn Sie sofort etwas ändern könnten, was wäre das?

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann, dass man die Komplexität wieder ein bisschen zurücknehmen könnte. Vorschriften werden immer komplizierter und für die Mitarbeiter schwieriger nachzuvollziehen. Inzwischen müssen sie so viele Gesetze mitberücksichtigen. Das könnte man wieder ein bisschen einfacher gestalten. Aber das ist reine Utopie. Wir wissen, dass es immer mehr in die Richtung noch mehr Komplexität gehen wird.