Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Achtsamkeit

Vorarlberg / 04.04.2019 • 07:59 Uhr

In Psychotherapie und Pädagogik, sogar in der Hirnforschung, erlebt in jüngerer Zeit ein zuvor weitgehend aus der Mode gekommener Begriff eine bemerkenswerte Renaissance, jener der Achtsamkeit. Man versteht darunter das gezielte Lenken der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment, auf das Wahrnehmen der Außen- und Innenwelt im Hier und Jetzt. Das zunehmende Interesse an der Achtsamkeit scheint eine Gegenreaktion auf die Überschleunigung unserer Zeit, auf die Dauerbeflutung mit Informationen und die Oberflächlichkeit neuer Eindrücke zu sein. Die Menschen sehnen sich in einer allzu hektisch gewordenen Welt offensichtlich nach Innehalten, nach Tiefgang und nach „Erleben des Lebens“.

Achtsamkeit wird definiert als offenes Wirkenlassen aller Wahrnehmungen, als akzeptierende Haltung sich selbst gegenüber und als ganzheitliche Annahme der eigenen Person. Mit dieser besonderen Form der Aufmerksamkeit werden wir uns des Innenlebens mit seinem ständigen Wandel von Gefühlen und Gedanken bewusst. Die daraus gewonnene Erfahrung können wir auf andere Menschen und Situationen übertragen.

„Die Menschen sehnen sich in einer allzu hektisch gewordenen Welt offensichtlich nach Innehalten.“

Mit Achtsamkeit sollen wir also zu einem intensiven Erleben des Augenblicks kommen. Denn allzu oft geht durch Grübeln über Fehler und Wunden der Vergangenheit oder durch ständiges Planen und Denken an die Zukunft das eigentliche Leben an uns vorbei. In der Psychologie zielt Achtsamkeit auf das bewusste Innehalten zwischen Wahrnehmung und Reaktion ab. Dadurch sollen eigene Bedürfnisse bewusst, Wahrnehmungsverzerrungen erkannt und Verdrängungen aufgedeckt werden. Mit aufgeschlossener Grundhaltung und achtsamer Einstellung kann man leichter die Perspektive wechseln und die Sichtweise anderer übernehmen.

Das Konzept der Achtsamkeit ist wie so vieles in der modernen Therapie nicht neu. Ursprünglich stammt die Idee aus dem Buddhismus, der in ihr ein „wertfreies Betrachten aller Wahrnehmungen“ sieht und empfiehlt, sie in vier Bereichen zu üben: im Körperlichen, bei sämtlichen Gefühlsreaktionen, in verschiedensten Gemütszuständen und in den Begegnungen mit der Natur. Bei den christlichen Mystikern, etwa Meister Eckart und Hildegard von Bingen, finden wir Achtsamkeit in der Kontemplation, dem konzentrierten Betrachten. Und all das, was später die Grundlage einer eigenen psychotherapeutischen Richtung bilden sollte, hat bereits der russische Schriftsteller Leo Tolstoi (1828–1910) auf den Punkt gebracht: „Denke immer daran, dass es nur eine wichtige Zeit gibt: Heute. Hier. Jetzt.“

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.