Christian Rainer

Kommentar

Christian Rainer

Cordoba in New York

Politik / 05.06.2026 • 14:03 Uhr

Es gibt Bilder, die ein Land besser erklären als jede Sonntagsrede. Außenministerin Beate Meinl-Reisinger springt in New York auf, reißt beide Arme hoch, rundherum wird geschrien und gejubelt, als hätte Hans Krankl soeben noch einmal Deutschland besiegt. Österreich ist für zwei Jahre in den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gewählt worden. Deutschland nicht. Cordoba am East River. Schneckerl Prohaska in der Generalversammlung.

Man möchte die Freude nicht stören. Man möchte nur wissen, worüber sich alle so freuen.

Seit Jahren betreibt Österreich diese Bewerbung mit einem Aufwand, als ginge es um die Aufnahme in den Olymp der Weltmächte. Minister reisen, Diplomaten werben, Delegationen antichambrieren. Österreich hat in Tateinheit mit Portugal (das ja auf Madeira auch Österreichs letzten Kaiser versorgt!) Deutschland aus dem Rennen geköpfelt. Hübsch für das rot-weiß-rote Seelenleben, das vom Zwergpinscherkomplex nie ganz geheilt wurde. Aber was genau ist der Nutzen? Was wird für die Österreicher besser, sicherer, wohlhabender? Welche österreichischen Interessen können dort durchgesetzt werden, die vorher nicht durchgesetzt werden konnten? Und warum hat uns das niemand erklärt?

Es ist Robert Musils Parallelaktion in zeitgemäßer Ausstattung. Im „Mann ohne Eigenschaften“ versammelt sich Kakanien zu einem großen patriotischen Vorhaben, dessen Sinn umso unsichtbarer wird, je feierlicher darüber gesprochen wird. Österreich braucht keine Idee, solange es eine Initiative hat. Es braucht kein Ziel, solange es einen Sitz bekommt. Die Parallelaktion heißt jetzt Sicherheitsrat. Ihr geistiger Gehalt passt bequem in das Champagnerglas, das nachher herumgereicht wird.

Bei Deutschland ließe sich der Ehrgeiz verstehen. Ein Staat mit mehr als 80 Millionen Einwohnern, Europas größte Volkswirtschaft, ein Land, das aus den bekannten Gründen nicht zu den fünf ständigen Mitgliedern gehört. Deutschland scheitert, Kanzler Merz wackelt weiter, Österreich jubelt. Wir sind wieder wer. Für zwei Jahre. Ohne Vetorecht. Ohne Macht. Aber mit Gruppenfoto.

Es wäre leichter, diesen Erfolg ernst zu nehmen, hätte dieses Land selbst eine Vorstellung von Sicherheit. Österreich debattiert seit Jahren mit der Entschlossenheit eines Schrebergartenvereins darüber, ob die Wehrpflicht ein paar Wochen länger dauern soll, hatte schon 2013 aus schamlos parteipolitischem Kalkül zwischen Berufsheer und Wehrpflicht „befragend“ entscheiden lassen. Eine Sicherheitsstrategie wird angekündigt, vertagt, nachgeschärft und wieder angekündigt. Neutralität bedeutet je nach Tagesverfassung Weltfriedensmission, Geschäftsmodell oder Ausrede.

Und ja, außenpolitisch auffällig und nur allzu verständlich gab es zuletzt Sebastian Kurz. Jener Kanzler, der sich Weltläufigkeit gern aus dem internationalen Freundeskreis borgte: bei Netanjahu, Orbán und Trump. Und bei seinem späteren Arbeitgeber Peter Thiel. (Thiel: „Ich glaube nicht, dass Demokratie und Freiheit miteinander vereinbar sind.“) In Österreich kann man politische Nähe offenbar rascher kuratieren als Sicherheitspolitik.

Der Sitz im Sicherheitsrat mag diplomatisch ehrenvoll sein. Vielleicht ist er sogar nützlich. Nur müsste eine Regierung imstande sein, den Menschen in drei verständlichen Sätzen zu sagen, wofür. Ich beschäftige mich seit bald vier Jahrzehnten professionell mit Politik. Mir konnte es bisher niemand erklären.

Das ist das eigentlich Peinliche an den Jubelbildern aus New York. Nicht, dass dort gefeiert wurde. Sondern dass ein Land sich selbst applaudiert, bevor es weiß, wozu.