Gibt es bald keine Wirtshäuser mehr?

Vorarlberg / 15.04.2019 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Thomas Dellagiacoma und Sven Kaminski schmeißen im Sternen hin.

Personalsituation ist angespannt. „Es geht immer mehr in Richtung Systemgastronomie“, sagt Wirt Lothar Eiler.

Geraldine Reiner

Schwarzach Ende Oktober ist Feierabend: Sven Kaminski (36) und Thomas Dellagiacoma (34) haben sich nach knapp acht Jahren entschlossen, das Gasthaus Stern in Wolfurt zu schließen. Ab November sind die beiden dann nur noch mit ihrem Speisewagen unterwegs. Bei der Entscheidung habe nebst vielen anderen Sachen auch die Personalsituation mitgespielt. „Wenn du früher eine Stellenanzeige geschaltet hast, hast du sofort sechs Bewerbungen bekommen, jetzt bekommst du in drei Monaten zwei. Auch wenn du von denen niemanden brauchen kannst, musst du sie einstellen“, schildert Sven Kaminski. Einen Hauptgrund dafür sieht er in den Arbeitszeiten. Die meisten würden am Wochenende oder abends einfach nicht mehr arbeiten wollen. „Und dann sind die Gäste auch nicht unbedingt einfach. Jeder meint, er hat das Recht, die Servicemitarbeiter anzuschnauzen“, ergänzt der Gastronom.

Mittags geschlossen

Immer wieder hat auch Lothar Eiler vom Gasthaus Taube in Alberschwende mit der Flaute am Arbeitsmarkt zu kämpfen. Im Vorjahr ging das sogar so weit, dass der 55-Jährige sein Gasthaus mittags schließen musste, weil er nicht genügend gute Leute fand. „Über den Winter hat sich die Situation beruhigt, ein gutes Team zusammenzubringen ist aber immer wieder eine Herausforderung“, berichtet er. Die Arbeitszeiten seien eben sehr wochenendlastig, es gäbe immer weniger, die das auf sich nehmen, bekräftigt der Wirt aus Alberschwende. Wenn beispielsweise ein Koch plötzlich eine Freundin habe, die nicht aus dem Gastgewerbe kommt, werde es schwierig: „Man sucht überall Fachkräfte, somit sind wir nicht die Bevorzugten. Viele wandern in Branchen ab, wo sie am Samstag und am Sonntag frei haben.“ Ja, es sei schwierig, gute Leute zu bekommen, bestätigt Ulrike Fink (49) vom Hotel Restaurant Krönele in Lustenau. Das beschränke sich aber bei weitem nicht nur auf die Gastronomie. „Ganz, ganz viele Branchen haben dieses Problem“, betont sie. Sie bekomme zwar viele Anrufe von Leuten, die einen Job suchen, „aber das sind keine Fachkräfte. Damit ist uns nicht geholfen.“ Dass Gastronomiebetriebe schließen müssen, hat aus ihrer Sicht nicht nur mit den Mitarbeitern, sondern auch mit vielen anderen Dinge zu tun. „Wir müssen sehr viele Auflagen erfüllen, die fast nicht mehr umsetzbar sind. Viele wollen sich das gar nicht mehr antun oder können es sich nicht leisten“, nennt die Krönele-Chefin ein Beispiel. Nicht zu unterschätzen sei zudem, dass die Österreicher aufgrund ihrer guten Ausbildung überall auf der Welt gefragt seien. „In den besten Häusern sind Österreicher oder Deutsche in Führungspositionen, oder es macht ein neues Schiff auf, wo 1000 Leute gesucht werden. Die fehlen uns dann“, unterstreicht Ulrike Fink. 

Dass die Personalsuche nicht unbedingt einfach ist, bestätigen auch Lothar Eiler (im Bild mit Partnerin Helene) vom Gasthaus Taube in Alberschwende.
Dass die Personalsuche nicht unbedingt einfach ist, bestätigen auch Lothar Eiler (im Bild mit Partnerin Helene) vom Gasthaus Taube in Alberschwende.

Fachkräftemangel in der Gastronomie? Harald Furtner, Sparten- und Fachgruppengeschäftsführer Gastronomie und Hotellerie in der Wirtschaftskammer Vorarlberg (WKV), reagiert auf diesen Ausdruck mittlerweile schon fast allergisch. „Dadurch kommt zum Ausdruck, dass niemand mehr im Tourismus arbeiten wolle“, wettert er. Fakt sei, dass die Fachkräftesituation im Gastgewerbe nicht anders sei als in jeder anderen Branche auch. „Im Tourismus kommt hinzu, dass es eine stetig wachsende Branche ist. Dadurch brauchen wir immer mehr Mitarbeiter. Die zweite Besonderheit ist die unterschiedliche Stärke in den Saisonen“, führt Furtner aus. Die Anzahl der Betriebe sei mehr oder weniger konstant. Verändern würden sich lediglich die Betriebsarten.

Dass die klassischen Wirtshäuser immer weniger werden, sei offensichtlich. „Es geht immer mehr in Richtung Systemgastronomie“, bemerkt Lothar Eiler. Die Wirtshäuser hätten traditionell am Wochenende Hauptbetrieb. Mittlerweile sei es aber so, dass viele am Sonntag nicht mehr offen sind, „gerade im Rheintal. Das merken wir extrem“. Den Beruf müsse man mit Herzblut machen, untermauert Ulrike Fink vom Krönele. Abgesehen davon hätten auch die Arbeitszeiten ihre Vorteile: „Bei uns hast du unter der Woche frei und musst nicht freinehmen, etwa um zum Friseur zu gehen“, bricht sie eine Lanze für die Gastronomie.