Natalie Bregenzer und ihr Pferd helfen Menschen mit Handicap

15.04.2019 • 10:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Petra Wörle liebt das Reiten, Natalie Bregenzer (l.) sorgt dafür, dass die querschnittgelähmte Frau richtig im Sattel sitzt. VN/Steurer

Natalie Bregenzer bietet Lernhilfe mit Pferden und Handicap-Reiten an.<br>

Sulzberg Kraftvoll schiebt Natalie Bregenzer (23) den Rollstuhl mit Petra Wörle (56) über eine Rampe auf eine kleine Plattform. Davor wartet Therapiepferd „Lui“, ein zotteliger Irischer Tinker. Mit seinen schon gesetzten 21 Jahren bringt „Lui“ die nötige Gelassenheit mit, um seine Aufgaben zu erfüllen. Auch Petra Wörle schätzt das umgängliche Tier. Ein Autounfall hatte die Frau aus Scheidegg vor vierzig Jahren in den Rollstuhl gebracht: Querschnittlähmung. Auf Bewegung wollte sie trotzdem nicht verzichten. Als ihr die Physiotherapie zu eintönig wurde, sattelte sie um. Über Reiterfahrung verfügte Petra Wörle damals nicht. Inzwischen möchte sie die Stunden mit „Lui“ und Natalie nicht mehr missen. Seit zwei Jahren fährt sie zwei- bis dreimal wöchentlich nach Sulzberg-Thal, um unter Anleitung ihre Reitstunden zu absolvieren. Die Allgäuerin setzt sich aber auch Ziele. „Ich möchte das Zertifikat im Westernreiten“, sagt sie selbstbewusst und gibt „Lui“ die Zügel.

Das Pferd als Motivator

Reiten für Menschen mit Handicap ist nur ein Angebot, das Natalie Bregenzer offeriert. Nach der Matura in der HLW Marienberg absolvierte die Pferdenärrin eine Ausbildung zum Lehrwart für integratives Westernreiten. Außerdem ist sie staatlich geprüfte Übungsleiterin für Westernreiten sowie diplomierte Lern-, Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin. Mit diesem Wissen im Rucksack startete Natalie Bregenzer bereits als 20-Jährige in die Selbständigkeit. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, erzählt sie. Die Begeisterung fürs Reiten wurde ihr von Mama Regina in die Wiege gelegt. „Natalie reitet schon seit sie zwei ist“, verrät die stolze Mutter.

Neben dem Westernreiten liegt der jungen Frau die Beschäftigung mit gehandicapten Kindern und Erwachsenen am Herzen. „Pferdegestütztes Arbeiten bietet wunderbare physische und emotionale Unterstützung beim Schreiben, Lesen und Rechnen lernen“, weiß Natalie Bregenzer. Speziell für Kinder können Pferde ein besonderer Motivator sein. „Und die frische Luft bekommt ihnen auch“, merkt Natalie noch an. Petra Wörle sieht das für sich ähnlich. „Die Bewegung auf dem Pferd und in der Natur tut mir gut. Der Körper wird besser durchblutet und der Rücken gestärkt“, beschreibt sie die positiven Auswirkungen. Die Handgriffe, die sie braucht, um auf- und abzusteigen und „Lui“ zu dirigieren, sind ihr in Fleisch und Blut übergegangen. In einer einzigen fließenden Bewegung lässt sich Petra Wörle vom Rollstuhl auf den fellbewehrten Pferderücken gleiten. Halt mit den Händen bietet ihr der Voltigiergurt. Nach einem kurzen Einreiten werden ihre Beine an den Gurt des Sattels geklettet, damit sie nicht hin und her schlenkern. Dieses System hat sie sich selbst ausgedacht.

Wertvolle Freizeitgestaltung

Inzwischen beherrscht die querschnittgelähmte Frau alle Schrittarten und übt sie auch fleißig. „Das ist mein Anspruch.“ Aktiv sein ihr anderer. Nicht nur körperlich, auch emotional schenkt ihr das Reiten viel. „Es gibt kaum etwas Schöneres“, bestätigt Petra Wörle und tätschelt „Lui“ liebevoll den Hals. „Integratives Reiten ist dosierbar und lässt sich der jeweiligen Beeinträchtigung gut anpassen“, spricht Natalie Bregenzer von einer wertvollen Freizeitgestaltung, welche die Entwicklung fördert und hilft, den Körper besser wahrzunehmen.