Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Österreich-Bashing

08.05.2019 • 14:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es steht schlecht um Österreich. Das Land ist moralisch niedergegangen, hat sich in eine Dauerkrise gebracht und befindet sich in erbärmlichem Zustand. Das Klima ist vergiftet, die Gesellschaft gespalten, die Bildung unter Entwicklungslandniveau. Überall lauern Nazis, der Antisemitismus blüht auf, Islamophobie beherrscht die Stimmung. Die Regierung besteht aus minderbegabten Neofaschisten, die Opposition aus Chaoten und Altleninisten. Ein Großteil der debilen Österreicher – laut einem deutschen Experten sind das acht Millionen – fällt auf diese Populisten herein. Der Rest ist dauererregt, fortlaufend frustriert und – kein Wunder bei diesen Zuständen – schwer traumatisiert. Da wird sozialer Kahlschlag betrieben und eine ganze Generation von Kindern, alle mit Smartphones bestückt, in die Armutsfalle gestoßen. Steuerreformen sind so vermurkst, dass mehr Geld in der Tasche bleibt, einfach unfassbar.

„Überall lauern Nazis, der Antisemitismus blüht auf, Islamophobie beherrscht die Stimmung.“

Die Fleißigen zwingt man zu Mehrarbeit, damit Gerechtigkeit gegenüber Hausfrauen, Pflegenden und andern Dauerbeschäftigten hergestellt wird, wenigstens tageweise. Sogar am Gottesdienstbesuch werden wir gehindert – daher die leeren Kirchen. Und erst die größte Religionsgemeinschaft: Hauptsächlich Pädophilie, sexueller Missbraucher und Vertuschung. Die täglich erforderlichen Moralpredigten von höchsten Stellen nützen nichts mehr und viele Altpolitiker, durchwegs von der Mindestpension lebend, sind tief bedrückt, weil damals alles besser gewesen ist. All das ist wissenschaftlich belegt und wird von den Intellektuellen sorgenvoll bestätigt. Allerdings gibt es nicht mehr viele, denn sie haben dies furchtbare Land verlassen. Kommt man ins Ausland, muss man sich für Österreich schämen. In den so toll funktionierenden Europastaaten werden wir belächelt und ermahnt. Dabei nehmen wir Ratschläge gerade aus jenen Ländern, in denen es ungleich häufiger ausländerfeindliche Übergriffe gibt, so dankbar an. Die EU überlegt sich, nachdem das mit den Briten nicht so recht hinhaut, ob sie gegen den „kleinen Braunen“ – so der Titel eines Österreichberichtes in einem deutschen Medium – wieder Sanktionen verhängen muss. Und der US-Präsident wollte unser Land auf die Liste der Schurkenstaaten setzen, hätte ihn der junge Kanzler nicht so beeindruckt.

Zugegebenermaßen sind einige dieser Thesen ähnlich polemisch wie die, gegen die sie sich richten. Keinesfalls soll damit die oft berechtigte Kritik an Österreich unterdrückt oder das besonders notwendige „Wehret den Anfängen“ relativiert werden. Der zuletzt angeschlagene Ton ist aber zu viel des Guten und bewirkt das Gegenteil. Beschuldigungen rufen Widerstand und Emotionalisierungen nur Gegenreaktionen hervor. Meinungen lassen sich durch Unterstellungen nicht verbessern und Skandalisierungen wirken inflationär. Bald kann man auch konstruktive Kritik nicht mehr hören. In der Medizin zählen Allergien, also überschießende Abwehrreaktionen, zu den Krankheiten und in der Psychiatrie gehört Hysterie zu den schwierigsten Störungen.

Hätte ich an die Meinungsbildner in unserem Land, in dem es auch viel Gutes gibt, die berühmten drei Wünsche frei, so lauteten sie: mehr Sachlichkeit, mehr Differenziertheit und mehr Selbstbewusstsein.

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.