Soner Ö. war 2018 im Land

14.06.2019 • 20:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Ermittlungen sind beendet. Die Anklage steht noch nicht. VOL.at/Pletsch
Die Ermittlungen sind beendet. Die Anklage steht noch nicht. VOL.at/Pletsch

Der mutmaßliche Täter von Dornbirn wurde bereits im Vorjahr gesehen.

Dornbirn Politisch ist noch immer nicht alles geklärt. Noch immer ist teilweise unbeantwortet, wie der mutmaßliche Täter vom Mord am 6. Februar in der BH Dornbirn trotz Aufenthaltsverbots wieder einreisen konnte und zum Asylverfahren zugelassen wurde. Strafrechtlich ist der Fall hingegen vor dem Abschluss. Der Sachverständige Reinhard Haller hat sein psychiatrisches Gutachten fertiggestellt, die Polizei ihre Ermittlungen beendet. Das Gutachten und der Abschlussbericht liegen den VN vor. Daraus geht hervor: Soner Ö. war bei der Tat voll zurechnungsfähig. Zudem können seine Aussagen nicht korrekt sein. Und: Soner Ö. befand sich bereits im Sommer 2018 in Vorarlberg.

Drei mal gesehen

Ein langjähriger Bekannter gibt als Zeuge an, Soner Ö. Mitte Juni 2018 zum ersten Mal seit vielen Jahren bei einem Kiosk am blauen Platz in Lustenau getroffen zu haben. Am 6. Juli sei es in einer Lustenauer Shisha-Bar zu einem Disput zwischen Soner Ö. und dem Türsteher gekommen. Er habe Soner Ö. 2018 noch ein drittes Mal gesehen. Auch ein zweiter Zeuge schildert den Vorfall in der Bar. Demnach habe Soner Ö. randaliert und musste mit vereinten Kräften aus dem Lokal gebracht werden. Er habe Soner Ö. noch ein bis zwei weitere Male im Bereich des Lokals gesehen. Der Mordverdächtige selbst gab beim Asylverfahren an, erst im Dezember eingereist zu sein.

Fix ist: Am 6. Jänner suchte Soner Ö. in Höchst um Asyl an. Er verfügte über ein aufrechtes Aufenthaltsverbot, das durch die BH Dornbirn im Jahr 2009 aufgrund zahlreicher Vorstrafen erlassen wurde. Zuständig dafür war das spätere Opfer. Im Asylantrag gab er an, im syrischen Bürgerkrieg gekämpft und türkische Soldaten getötet zu haben. Als er um Asyl ansuchte, hieß es aus Vorarlberg zunächst, Soner Ö. wolle man nicht aufnehmen. Dennoch wurde er zum Asylverfahren zugelassen und kam in Vorarlberg privat unter. Am 21. Jänner stellte er bei der BH Dornbirn einen Antrag auf Grundversorgung, dabei traf er auf sein späteres Opfer. Es folgten mehrere Kontakte. Am 6. Februar, exakt zehn Jahre nachdem das Aufenthaltsverbot erlassen wurde, erstach er den Leiter der dortigen Sozialabteilung.

Der Tattag lässt sich nicht lückenlos rekonstruieren. Der mutmaßliche Täter gab an, nach seinem ersten Besuch in der BH um 14 Uhr mit dem Bus nach Lustenau gefahren zu sein, dort habe er ein Küchenmesser – die spätere Tatwaffe – mitgenommen. Anschließend sei er zurückgekehrt. Das sei laut Polizei in dieser Zeit unmöglich. Es lasse sich nicht definitiv feststellen, wo er zwischen 14 und 15 Uhr gewesen sei.

Anwalt Sebastian Kurz

Eine BH-Mitarbeiterin gibt an, dass sie gegen 14 Uhr einen ziemlichen Radau wahrgenommen habe. Soner Ö. habe geschrien, er lasse sich nicht mehr verarschen. Daraufhin habe sie eine andere Mitarbeiterin aufgefordert, die Sache rasch zu erledigen, da sie kein gutes Gefühl habe und sie sich die Partei vom Halse halten müssten. Eine Stunde später seien Mitarbeiter aus dem Büro gestürmt und hätten gesagt, dass Soner Ö. mit einem Messer herumfuchteln würde. Eine andere Mitarbeiterin gab an, dass sie am 1. Februar erstmals Kontakt mit Soner Ö. hatte. Er habe sich am Telefon als sein Anwalt ausgegeben, mit dem Namen „Sebastian Kurz“.

Die Anklage steht noch nicht. Die Verteidigung habe noch Beweisanträge eingereicht, erklärt Stefan Denifl, Anwalt der Hinterbliebenen, auf VN-Anfrage. „Aus Opfersicht sollte das Verfahren schnell abgeschlossen sein“, betont er. Der Dornbirner Anwalt ist für die Opferschutzorganisation Weißer Ring aktiv, die in solchen Situation hilft, unter anderem den gesetzlich zustehenden Schadenersatz zu erhalten. Denifl fordert zudem: „Aus Sicht der Angehörigen besteht ein dringendes Aufklärungsinteresse, wieso sich der Verdächtige überhaupt zum Tatzeitpunkt in Vorarlberg aufhalten konnte.“ Diesbezügliche Anfragen habe er bereits an Land und Bund gestellt.