Mario Sadlon flüchtete als 18-Jähriger aus seiner kommunistischen Heimat

Vorarlberg / 15.07.2019 • 11:50 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Tierarzt Mario Sadlon (im Bild mit seinem Hund Dona) arbeitet heute als Vertreter. In seiner Freizeit schreibt der Wahlmontafoner Bücher.

Mario Sadlon riskierte als 18-Jähriger Kopf und Kragen, um den Eisernen Vorhang zu überwinden.

Schruns Sein Zuhause war für ihn Himmel und Hölle zugleich. Mario Sadlon (55) wuchs in der CSSR auf, die der stalinistischen Politik der UdSSR uneingeschränkt folgte. Er wurde in einem Haushalt groß, in dem neben ihm noch sechs weitere Personen lebten: Urgroßmutter, Großeltern, Vater, Mutter und Bruder der Mutter. Von seiner Mama und seinem Onkel wurde Mario schwer misshandelt. „Sie haben mich nicht nur geschlagen, sondern richtig verdroschen.“ Deshalb versteckte sich das Bübchen oft hinter der Nähmaschine auf dem Dachboden. Manchmal flüchtete das Kind auch in den Wald. Die anderen Familienmitglieder hingegen brachten dem Buben Zuneigung entgegen. „Von ihnen habe ich Liebe bekommen.“ Mario sieht es als großes Glück an, dass in seinem Umfeld die guten Menschen überwogen. „Zum Glück gab es vier Gute und nur zwei Schlechte. Dadurch wurde ich stark. Wäre das Verhältnis umgekehrt gewesen, wäre ich untergegangen und heute ein gebrochener Mensch.“

Mario ließ sich auch vom kommunistischen Regime nicht in die Knie zwingen. „Es war eine Diktatur, die mit der im heutigen Nordkorea vergleichbar ist. Wegen des Spitzelwesens konnte man niemandem trauen“, erinnert er sich an das Land seiner Kinder- und Jugendtage. Weil der Gymnasiast verbotene Literatur las, wurde er denunziert. „Der Schuldirektor sagte, er werde dafür sorgen, dass ich nicht zur Matura antreten darf.“ Weil dieser zum Maturatermin krank war, klappte es dann aber doch noch mit der Reifeprüfung.

„Ich hatte einen großen Schatz dabei: das freie Denken.“

Mario Sadlon, Flüchtling

Der 18-Jährige hatte einen großen Plan. Er wollte in den Westen, in die Freiheit. „Ich wollte von Zuhause weg und flüchten, weg von dem Land, in dem man permanent einer Gehirnwäsche unterzogen wird.“ Im September 1982 riskierte der junge Mann Kopf und Kragen, um den Eisernen Vorhang zu überwinden. Zunächst fuhr er mit dem Zug nach Bulgarien. „Neben einem kleinen Rucksack hatte ich einen großen Schatz dabei: das freie Denken.“ Von Bulgarien aus versuchte er nach Jugoslawien zu kommen. „Ich habe es bei einem Grenzübergang am Berg versucht.“ Minenfelder und Grenzpolizisten erschwerten ihm den Übertritt. Doch Mario war fest entschlossen. „Es gab für mich kein Zurück. Lieber wäre ich gestorben.“ Beim dritten Anlauf schaffte er es, über die Grenze zu kommen. In Jugoslawien machte er Autostopp. „Ein Lkw-Fahrer nahm mich mit. Er versteckte mich in der Fahrerkabine.“ Mit ihm kam er nach Österreich.

Reiche Leute beschützt

Zunächst dachte Mario, dass er unter einer Brücke biwakieren müsse. Aber die österreichischen Behörden  schickten ihn in ein Flüchtlingsquartier im Waldviertel. „Dort lernte ich Deutsch, indem ich Comics las, die ich mir ausgeliehen hatte.“ Im Sommer darauf inskribierte er an der veterinärmedizinischen Uni in Wien. „Ich wollte Tierarzt werden, weil mir Tiere am Herzen liegen.“ Dass er in seiner neuen Heimat studieren konnte, empfand er als großes Geschenk. Mit Gelegenheitsjobs finanzierte sich der Student seinen Lebensunterhalt. Nach dem Studium arbeitete Mario, der in seiner alten Heimat eine paramilitärische Ausbildung absolviert hatte, nicht nur als Tierarzt, sondern auch als Bodyguard. „Ich habe reiche Leute beschützt.“

Dieser Job brachte ihn für drei Jahre nach Amerika. Dort knüpfte er Kontakte nach Südamerika. Das gipfelte darin, dass Mario, der Tierarzt, in Uruguay auf einer Ranch mit 300 Kühen und 700 Schafen Verwalter wurde. Ein Jahr lebte er quasi Tag und Nacht in und mit der Natur. „Das hat meine Seele reich gemacht“, sagt er in Bezug auf seine unterschiedlichen Jobs auf verschiedenen Kontinenten und Ländern. Seit 2003 arbeitet er in Österreich für einen Schweizer Konzern im Außendienst. „Ich wollte ein geregeltes Leben mit Schlaf in der Nacht“, begründet er den Berufswechsel.

Vor wenigen Monaten ließ sich Mario im Montafon nieder. In dieses Tal verliebte er sich, als er nach dem Studium einen Tierarzt in Vorarlberg vertrat. „Das Tal erinnerte mich an meine Heimat. Ich wurde in den Bergen groß, auf 1000 Meter Seehöhe.“ Derzeit arbeitet der 55-Jährige noch als Vertreter. Aber in Zukunft möchte er sich verstärkt dem Schreiben widmen. Sein erstes Buch, das er geschrieben hat, handelt von seiner Flucht. Demnächst möchte er berührende Tiergeschichten aus der Praxis zu Papier bringen.     

Buchtipp: „Mehr als ein Weg“, Mario Sadlon, HOPE Edition.