Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kein neues Kleid

31.07.2019 • 07:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Nein, Mama, bitte nicht, ich will es nicht!“ Und dann weinte das Mädchen.
„Jetzt übertreib aber nicht“, sagte die Mutter und drehte sich in dem vornehmen Salon um ihre eigene Achse. „Was glaubst du, wie viele deiner Freundinnen sich glücklich schätzen würden, hier zu sein?“
„Können wir bitte gehen, Mama?“
Ein Stoß von Kleidern in Pastell mit Rüschen und Glanz lagen übereinander. Eines nach dem anderen hob die Verkäuferin demütig auf und ging damit knapp an dem Mädchen vorbei, streifte es manchmal, so als wollte sie sagen, wie undankbar du bist, was würde ich darum geben.
Das Mädchen hatte schon die Tür geöffnet, und die Mutter rief: „Willst du mich hier stehen lassen? Ich werde mir ein Kleid kaufen, und du sollst mir sagen, wie es mir steht. Darum sind wir doch hier.“
Das Mädchen war aber schon aus dem Geschäft gerannt, hinunter in den Tiefen Graben, sie schaute nicht mehr zurück und fluchte vor sich hin.
Die Mutter fuhr mit dem Taxi nach Hause und wartete. Sie war frustriert wegen der Undankbarkeit ihrer Tochter. Den ganzen Tag hatte sie ihr verdorben, nein, das ganze Leben.
Das Mädchen stolperte über den Gehsteig rempelte eine Bettlerin an, bückte sich dann und gab alles, was in ihrer Geldbörse war. Sie kam sich vor wie das Mädchen in dem Märchen „Sterntaler“, alles würde sie geben bis auf ihr Hemdchen, und dann wollte sie sterben und in den Himmel eingehen. Das war natürlich hysterisch. Hysterisch wie die Mutter wollte sie nicht werden. Das wäre das Letzte!

Man kann Geld nicht essen.

Sie wollte ab morgen auf die Straße gehen und demonstrieren – für eine bessere Umwelt, für ein besseres Menschsein überhaupt. Genaues wusste sie nicht. Sie wollte den Vater fragen, ob er ihr ein wenig Geld gäbe, nur bis sie selber genug verdienen würde, sie wollte in eine Wohngemeinschaft ziehen und nur vom Nötigsten leben. Einer in der Familie muss ja anfangen, dachte sie. Man kann Geld nicht essen wie Erdbeeren. Es macht mich unglücklich, dachte sie.
Das Mädchen ging nicht mehr nach Hause, an diesem Abend nicht und auch nicht nach einer Woche. Sie wurde von der Polizei aufgespürt und wieder bei der Mutter abgegeben wie ein Gepäcksstück.
„Von mir aus“, sagte sie, „ich werde die Matura machen, aber dann bin ich weg.“
„Dann bist du nicht weg“, sagte die Mutter.
Der Vater sagte: „Schauen wir einmal.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.