Der erste Wahlkampf

Vorarlberg / 20.09.2019 • 15:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
APA
Moritz Moser

Auch vor 100 Jahren wurde in Österreich gewählt. Der erste Wahlkampf der Republik unterschied sich aber deutlich vom aktuellen: Österreich hatte gerade einen Weltkrieg verloren und hielt 1919 die erste Wahl seit acht Jahren ab. Schuldzuweisungen über die Kriegsschuld und angeblich geplante politische Umstürze dominierten die Debatte. Anders als heute schafften es die größten Parteien aber zumindest in Oberösterreich und Salzburg sich auf Fairnessabkommen zu einigen. Das „Vorarlberger Tagblatt“ berichtete, dass Christlichsoziale, Großdeutsche und Sozialdemokraten „ein Abkommen geschlossen“ hätten, „den Wahlkampf würdig und sachlich zu führen“.

Im eigenen Land ging es anders zu: Die Christlichsozialen warfen den „Freisinnigen“, gemeint war die großdeutsch-liberale Deutsche Volkspartei, „Unwahrheit und Verleumdung“ vor. Das christlichsoziale „Vorarlberger Volksblatt“ setzte alles daran, die bürgerliche Konkurrenz in ein Boot mit den verhassten Sozialdemokraten zu setzen: „Die freisinnigen Ehe-, Schul- und Kulturbolschewisten sind unmittelbare Schrittmacher der roten Umsturz- und Klassenpartei.“ Die Zivilehe und der gemeinsame Unterricht von Mädchen und Buben waren große Streitthemen. In Wahlaufrufen setzten die Schwarzen auf die Angst vor einem roten Umsturz: „Unsere heilige katholische Religion ist tatsächlich in Gefahr“ hieß es etwa. Es gehe für die Wähler auch „um die Seelen eurer Kinder und Kindeskinder“ und um „Schutz und Ehre eurer Frauen“, wie das „Volksblatt“ schrieb. Die Geistlichkeit mobilisierte massiv für die Partei. Pfarrer sprachen auf Wahlversammlungen und übten Druck aus, damit Sozialdemokraten und Freisinnigen keine Räume für Veranstaltungen überlassen wurden. „Die Wirte hatten Angst vor dem jüngsten Kaplan“, beklagte das freisinnige „Tagblatt“.

Auch das Thema Parteienfinanzierung spielte eine Rolle: Die Sozialdemokraten erklärten die Wahl zum „Gerichtstag des Volkes über seine Bedrücker und Peiniger“. Gemeint waren die „Kriegsgewinner und Kriegswucherer“, die vom Ersten Weltkrieg finanziell profitiert hatten und „von denen die bürgerlichen Parteien Millionen bezogen haben, zur Führung ihres Wahlkampfes gegen die Sozialdemokratie.“

Der Wahlkampf blieb in Vorarlberg weitgehend gewaltlos. In Niederösterreich wurde aber der Christlichsoziale und spätere Bundespräsident Wilhelm Miklas von Sozialdemokraten bei einer Veranstaltung so zusammengeschlagen, dass er eine Gehirnerschütterung erlitt. Was den Umgang mit politischen Gegnern betrifft, hat Österreich in den letzten 100 Jahren also doch deutlich dazugelernt.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at