Wohnkosten steigen: „Miete frisst das Einkommen auf“

Vorarlberg / 05.10.2019 • 08:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Claudia S. (Name von der Redaktion geändert) bleiben nach Abzug der Miete noch 450 Euro für den Alltag: „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“, ist das Fazit von Frau S. VN/STIPLOVSEK

Kosten für Wohnen steigen immer mehr. Zwei Vorarlbergerinnen geben Einblicke.

Bregenz, Dornbirn Die Wohnkosten zählen zu den größten Sorgen der Vorarlberger.  Während das Nettoeinkommen zunehmend stagniert, steigen die Preise fürs Wohnen immer mehr. Mehr als zwei Drittel der Vorarlberger sind überzeugt, dass es nicht mehr leistbar ist, geht aus einer kürzlich veröffentlichten Studie der Sparkassen hervor. Zwei von den hohen Preisen betroffene Frauen erzählen in den VN von ihren Erfahrungen.

„Ich fahre lieber weniger in den Urlaub“, erklärt Carmen Platonina, auf ihre Wohnsituation angesprochen. Die 32-Jährige lebt in einer Dreizimmerwohnung in Bregenz. Die ist ihr nach der Trennung geblieben und die Singlefrau möchte die 75 Quadratmeter nicht aufgeben. „Klar habe ich mir überlegt auszuziehen, denn die Wohnungsmiete ist eigentlich für zwei Gutverdiener leistbarer“, schildert die Fachhochschule-Vorarlberg-Mitarbeiterin. Doch gegen einen Auszug sprechen für sie die hohen Maklergebühren und die Umzugskosten. „Dadurch spare ich mir mit einer niedereren Miete kaum etwas ein“, hat sich Platonina für eine neue Wohnung durchgerechnet.

40 Prozent des Einkommens für Miete

Wichtige Argumente, die gegen einen Auszug sprechen, sind die Lage und der Wohlfühlfaktor der aktuellen Wohnung. „Mir ist wichtig, dass ich mich in meiner Wohnung erholen kann“, erzählt die Wahl-Bregenzerin, die sich während des Sommers lieber an den Bodensee legt, anstatt in den Urlaub zu fahren. Immerhin gehen 40 Prozent ihres Einkommens für die Miete drauf. Über einen Wohnungskauf denkt sie nach. Aber nachdem in Vorarlberg eher Wohnungen gekauft werden, merke man dies auch an der Höhe des Verkaufspreises und das notwendige Startkapital für einen Kauf fehle auch noch.

Carmen Platonina empfindet die Preise fürs Wohnen als hoch. Als Single gibt sie knapp die Hälfte des Einkommens für die Miete aus.  Mallaun Photograph
Carmen Platonina empfindet die Preise fürs Wohnen als hoch. Als Single gibt sie knapp die Hälfte des Einkommens für die Miete aus. Mallaun Photograph

450 Euro zum Leben

Während Carmen Platonina mit ihren Wohnkosten an der Grenze zur Überbelastung liegt – der Normbereich liegt bei einem Drittel –, ist bei Claudia S. (Name von der Redaktion geändert) die Wohnsituation deutlich prekärer. „Ohne meine Kinder könnte ich mich nicht über Wasser halten“, sagt Claudia S. „Ich habe mein Leben lang gearbeitet, teilweise bis zu drei Jobs parallel. Trotzdem kann ich mich heute kaum erhalten.“ Mit 50 Jahren musste die dreifache Mutter in Pension, wegen der Bandscheiben, dem Diabetes und psychischen Belastungen. Heute lebt sie in einer 45 Quadratmeter großen Zweizimmerwohnung im Raum Dornbirn, für die sie 815 Euro Warmmiete bezahlt. Zur Verfügung stehen ihr monatlich 950 Euro Mindestpension samt Pflegegeld, sowie 323 Euro Wohnbeihilfe. Nach Abzug der Fixkosten für die Miete bleiben zum Leben noch 450 Euro, von denen die Pensionistin noch die Telefonrechnungen und Versicherungen sowie medizinische Utensilien für ihr Diabetesleiden kaufen muss.

„Von Kleidung, Schuhen oder gar Urlaub rede ich gar nicht erst. Es geht um Dinge, die man wirklich zum Leben braucht“, betont S. Zusätzliche Kosten, wie etwa für eine neue Bettmatratze oder lapidare Dinge wie ein paar Süßigkeiten, die sie ihrem Enkel schenken will, sind da einfach nicht drinnen.

Hinzu kommt die ständige Ungewissheit, in einem befristeten Mietverhältnis zu leben. „Es ist kein freies Leben mehr, denn die Vermieter können mit einem machen, was sie wollen.“

Politik gefordert

Die 51-Jährige ist davon überzeugt, dass bereits sehr viele Menschen in Vorarlberg, gerade Familien mit kleinen Kindern armutsgefährdet sind. Ihr Appell richtet sich an die Politiker im Land: „Die Politik muss das Wohnen für uns Vorarlberger wieder leistbar machen.“

Das Land hat sich dieser Problematik bisher mit zwei Initiativen angenommen. Durch „Sicheres Vermieten“, sollen leerstehende Wohnungen zu günstigen Konditionen auf den Markt kommen. Dem Vermieter wird eine Art Ausfallsbürgschaft garantiert. Ein weiterer Fokus liegt auf „Wohnen500Plus“. Dabei werden 65-Quadratmeter-Wohnungen kostengünstig errichtet, die Miete liegt zwischen 500 und 600 Euro (inkl. Betriebskosten). Sieben derartige Bauprojekte wurden und werden in Höchst, Feldkirch, Mäder, Schröcken, Lustenau, Dornbirn und Egg umgesetzt. VN-MIH, PAG

Fakten zu Wohnkosten in Vorarlberg

Eigentum

– 57,7 Prozent der Vorarlberger leben laut Studie der Sparkasse (2019) in Haus- oder Wohnungseigentum.

– Durchschnittlich geben Vorarlberger 3846 Euro pro Quadratmeter für eine Eigentumswohnung aus.

– Für eine Neubauwohnung wird im Schnitt 321.359 Euro gezahlt.

Miete

– Durchschnittlich 9 Euro pro Quadratmeter (inkl. Betriebskosten) werden für eine Mietwohnung in Vorarlberg ausgegeben.

– 45 Prozent ihres verfügbaren Einkommens geben Geringverdiener für Wohnraum aus.

Drei Fragen – drei Antworten: Wolfgang Amann

Für Wolfgang Amann, Geschäftsführer des Instituts für Immobilien, Bauen und Wohnen (IIBW), sprechen die geringere Bevölkerungsdynamik und der lebhafte Neubau für eine Stabilisierung der Preise. Allerdings bleiben die Zinsen im Keller. Das macht Wohnungseigentum weiter attraktiv. Es sieht aber nicht nach Entspannung aus, so lange Wohnungen auf Vorrat gekauft werden.

Wie viel Eigenmittel sollte man für einen Wohnungskauf haben?

Eigenmittel haben mehrere Funktionen: Sie halten die Rückzahlungen des Darlehens in leistbarem Rahmen, sichern die finanzierende Bank gegenüber einem allfällig sinkenden Wert der Immobilie ab und stellen sicher, dass bei sinkenden Marktpreisen der Finanzmarkt stabil bleibt. Sie sollten 30 bis 40 Prozent der Kosten ausmachen. Es ist zu beobachten, dass Banken auch mit geringeren Eigenmitteln zufrieden sind.

Wie viel Prozent des verfügbaren Einkommens sollten für die Miete eingerechnet werden?

Österreichweit geben Mieterhaushalte etwa ein Viertel ihres verfügbaren Monatseinkommens für die Wohnkosten inklusive Heizung aus (bei Eigentümerhaushalten ist es weniger). Bei Niedrigverdienern ist der Anteil höher, bei Besserverdienenden niedriger. Bei Wohnkosten über 40 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens spricht man von „Überbelastung“. Vernünftigerweise sollte man 35 Prozent nicht überschreiten.

Mit welchen weiteren Kosten muss man rechnen?

Beim Wohnungskauf kommen zum Kaufpreis noch Nebenkosten dazu, vor allem die Grunderwerbsteuer von 3,5 Prozent, die Eintragungsgebühr ins Grundbuch von einem Prozent, allfällige Kosten für den Makler (meist drei Prozent) sowie für den Notar. Beim Mieten fallen im privaten Bereich Provisionen von meist zwei Monatsmieten sowie eine Kaution an, die mehrere Monatsmieten ausmachen kann, aber beim Auszug zurückerstattet wird.