Der Albtraum begann nach dem Erwachen

Vorarlberg / 15.11.2019 • 12:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
In Götzis attackierte ein Verwirrter seinen Nachbar und brachte ihn beinahe um. Die Festnahme des überaus kräftigen Täters gestaltete sich als schwierig. VN/PAULITSCH/HOFMEISTER

VN-Serie Teil 19: Norbert Schwendinger, Morddezernatsleiter in Pension, erzählt.

Götzis „Ist die Chefin da? Sind die Päckchen angekommen?“ Es waren stets dieselben rätselhaften und wirren Fragen, die der fremde Mann im Jahr 2015 einer Familie stellte, nachdem er an ihrer Haustüre in Götzis geklingelt hatte. Seine unheimlichen Besuche zogen sich über Wochen und Monate hinweg. Sie wurden zum Terror für die Hausbewohner, einen 43-jährigen Götzner, seine Frau und sein Kind.

Schließlich sollten die seltsamen Heimsuchungen des mysteriösen Unbekannten in einem Kriminalfall eskalieren. Norbert Schwendinger, damals Leiter des Morddezernates, erinnert sich: „Als der Mann ein letztes Mal vor der Türe erschien, schrie er die Bewohnerin verärgert an, dass er jetzt endlich die Päckchen holen wolle. Die Frau rief entsetzt ihren Ehegatten. Der versuchte, den Fremden zu verscheuchen. Doch dieser verpasste ihm eine Ohrfeige.“

Da Maß war voll. Verzweifelt wandte sich die Familie an die Polizei. Schwendinger: „Es stellte sich dann heraus, dass es sich bei dem Besucher um einen 28-jährigen deutschen Leasingarbeiter handelte, der in der Nachbarschaft in Untermiete wohnte. Doch der Mann war von der Polizei nicht aufzufinden. Auf Vorladungen, die an seine Adresse geschickt wurden, reagierte er nicht.“

Aus dem Schlaf gerissen

Dann kam der 7. August. Die Frau des Götzner Familienvaters verließ mit ihrem Kind das Haus, um ihre Eltern zu besuchen. Der Ehemann blieb zu Hause und legte sich schlafen. Noch war er ahnungslos über den Horror, der ihn in den nächsten Stunden erwarten sollte. „Es war kurz vor Mitternacht, als ihn plötzlich ein Knall aus dem Schlaf riss“, erzählt der damalige Chefermittler weiter und: „Als der Mann aufstehen wollte, befand sich der Deutsche, der vorher mit einem Stein die Terrassentüre eingeschlagen hatte und ins Haus eingedrungen war, bereits im Zimmer und betätigte den Lichtschalter. Anschließend ging er auf den 43-Jährigen zu und attackierte ihn zunächst mit seinen Fäusten.“

Doch damit nicht genug. Der Täter, der dem Götzner körperlich weit überlegen war, griff zu einem Luftbefeuchter, prügelte damit auf sein Opfer ein und würgte es anschließend bis zur Bewusstlosigkeit. Schwendinger: „Der Überfallene flehte um sein Leben und rief lautstark um Hilfe. Glücklicherweise wurden seine Rufe von einem Nachbarn gehört, der sofort telefonisch die Polizei verständigte und dann selbst zum Ort des Geschehens eilte.“

Als der Deutsche merkte, dass er nicht mehr allein mit seinem Opfer war, flüchtete er aus dem Haus. Auf dem Weg wurde er von dem beherzten Nachbar angerempelt und zu Sturz gebracht. Es kam zum Handgemenge. Beamte der unverzüglich eingetroffenen Polizeistreife hatten das Haus bereits umstellt und versuchten anschließend, mit dem Zeugen den Täter zu überwältigen. „Er war nur schwer zu fixieren, schließlich musste mit weiteren Streifen auch das Einsatzkommando Cobra eingreifen“, erinnert sich der damalige Morddezernatsleiter.

Unergründliches Motiv

Das Opfer des Deutschen war lebensgefährlich verletzt worden und litt noch lange physisch und psychisch an den Folgen der Tat. Der 28-jährige Täter wurde später in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen. Hintergründe und Motiv seiner Tat sind bis heute ein Rätsel. „Eine Vernehmung des Mannes erwies sich als unmöglich“, sagt Schwendinger.