VN-Einblick: Die Freimaurer in Vorarlberg

Vorarlberg / 24.11.2019 • 09:05 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Seit mehr als 300 Jahren gibt es den Geheimbund der Freimaurer, der für seine Verschwiegenheit berühmt-berüchtigt ist. Auch in Vorarlberg gibt es eine Loge.

Schwarzach, Wien Fanatischer Illuminatenorden, elitäres Geheimnetzwerk, alteingesessener Männerbund – den Freimaurern wird einiges nachgesagt. Dabei hat sich vieles geändert seit der Zeit, als Freimaurer entweder bewundert oder verleumdet, verkannt und sogar verfolgt wurden. Geblieben sind ein geheimnisvoller Ruf und jede Menge Vorurteile. „Dabei sehen wir uns gar nicht als Geheimbund. Jede Loge ist ein eingetragener Verein, der öffentlich einsehbar ist. Wir sind ein diskreter Bund“, räumt Rudolf Nagiller, selbst praktizierender Freimaurer, mit einem hartnäckigen Vorurteil gleich zu Beginn des VN-Interviews auf. Nagiller, ehemaliger Informationsdirektor des ORF und Gastgeber im Club 2, lebt in Wien, maturierte in Bregenz und ist Kenner der Vorarlberger Freimaurer. Unter einem Pseudonym veröffentlicht er regelmäßig Beiträge im deutschen „Freimaurer-Wiki“ und der Homepage der Großloge von Österreich.

Selbstbeherrschung und Bescheidenheit

Moderatio heißt die erste Vorarlberger Loge, die 2005 von zwölf Mitgliedern gegründet wurde. „Zuvor gab es Vorarlberger, die zu den benachbarten Logen in Innsbruck (Zu den drei Bergen), St. Gallen (Bauplan) oder Lindau (Insel zu den drei Ufern) gingen“, erklärt der 76-Jährige. Der Name Moderatio stammt aus dem Lateinischen und steht für Maßhalten, Selbstbeherrschung. Bescheidenheit einerseits, Lenkung, Leitung und Herrschaft andererseits, erklärt der Wiener: „Das passt auch zur alemannischen Mentalität.“

Das Logo der Vorarlberger Moderatio ist schlicht, aber ausdrucksstark. Der Buchstabe ‚M’, zerlegt in ein Winkelmaß sowie Sonne und Mond.

Die Moderatio umfasst derzeit etwa 30 Mitglieder, österreichweit gibt es derzeit ungefähr 3600. Unter ihnen Unternehmer, Ärzte, Juristen, „aber es ist jede gesellschaftliche Schicht willkommen“, sagt Nagiller. Vertreter der Logen treffen sich einmal im Jahr in einer Vollversammlung in Wien. Bei dieser wird wie in einem Parlament über anstehende Entscheidungen abgestimmt, etwa die geheime Wahl des kommenden Großmeisters alle drei Jahre.

Humanistische Werte

„Unser Hauptzweck ist, dass wir in uns gehen und versuchen, bessere Menschen zu werden und unser Denken ein Stück weit zu veredeln. Das wirkt sich indirekt auch auf die Gesellschaft aus“, erklärt Rudolf Nagiller den – neben den fünf Grundidealen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität – Sinn der Freimaurerei.

Die Freimaurerei hat in Europa, insbesondere in England, eine lange Tradition. 1717 wurde der Überlieferung nach in London die erste Großloge der Welt gegründet. Die Freimaurerei geht auf die Steinmetzbruderschaft und deren Bauhütten im Hochmittelalter zurück. An deren Traditionen, Rituale und die Lebensordnung knüpft die heutige Freimaurerei an. Wer in der Tradition zur Großloge von England steht und von dieser anerkannt wird, gehört zur regulären Freimaurerei. Dazu gehört auch die Moderatio, eine von insgesamt 80 Logen der Großloge von Österreich, die sich wiederum an den Grundwerten der Großloge von England orientiert.

Einer der frühesten Berührungspunkte Vorarlbergs mit der Freimaurerei findet sich beim Schriftsteller und Sozialreformer Franz Michael Felder. Heute würde der Schoppernauer als „Freimaurer ohne Schurz“ bezeichnet werden. „Er war in keiner Loge, hat aber mehrere Reisen unternommen und beschäftigte sich in seinem Roman ‚Sonderlinge‘ mit dem Begriff Freimaurer als negativem Ausdruck, den katholische Reaktionäre damals zur Verunglimpfung fortschrittlich denkender Menschen benutzten“, erklärt Nagiller. Dass sich Freimaurer in Diskretion üben, habe übrigens auch mit der regelmäßigen Verfolgung, etwa unter dem NS-Regime, in der Vergangenheit zu tun. Auch die Kirche reagierte in früheren Zeiten mit Ablehnung.

Der Bregenzerwälder Sozialreformer und Schriftsteller Franz Michael Felder (1839 - 1869) hatte Kontakte zu Freimaurern, war selbst aber keiner. Er ist ein sogenannter "Freimaurer ohne Schurz".
Der Bregenzerwälder Sozialreformer und Schriftsteller Franz Michael Felder (1839 – 1869) hatte Kontakte zu Freimaurern, war selbst aber keiner. Er ist ein sogenannter „Freimaurer ohne Schurz“.

Freimaurer kann übrigens jeder werden, betont Rudolf Nagiller. Dabei sei es irrelevant, welcher Partei oder Religion man angehöre. Voraussetzung sei aber, dass man sich in Toleranz übt. „Das Gedankengut der Freimaurerei ist eng mit der Aufklärung verknüpft. Demokratie und Menschenrechte sind stark mit der freimaurerischen Praxis verbunden.“ Neben reinen Frauenlogen gibt es in Österreich auch gemischte Logen, jene in Vorarlberg ist eine reine Männerloge.

Entschleunigendes Ritual

Von Mythen umwoben ist auch das freimaurerische Ritual. Zweimal im Monat treffen sich die Logenmitglieder. Symbole, die seit dem 18. Jahrhundert verwendet werden, spielen beim Ablauf des Treffens eine zentrale Rolle. „Am Beginn werden feierlich einige Kerzen angezündet“, beschreibt Nagiller den Ablauf des Rituals. Die freimaurerischen Symbole Winkel und Zirkel kommen ebenfalls zum Einsatz. „Das Winkelmaß symbolisiert die Rechtschaffenheit des Menschen. Der Zirkel ist Symbol für die intellektuelle, emotionale Arbeit des Freimaurers an sich selbst und steht für die Gemeinschaft aller Menschen.“ Das dritte Hauptsymbol ist die Bibel, wobei dieser keinerlei dogmatische, sondern ausschließlich symbolische Bedeutung zukommt, betont Nagiller.

Es folgen ritualisierte Dialoge und Wechselgespräche. „Das ist ein Innehalten und dient dem bewussten Moment der Entschleunigung. Im Zentrum des Rituals steht ein Vortrag, den jedes Mal ein anderer Bruder hält und über den im Anschluss diskutiert wird.“ In den Vorträgen geht es in erster Linie um die Erweiterung des Horizonts, die Förderung der Humanität und um das Verstehen des Anderen: „Wichtig ist, dass es sich um kein kontroverses Thema handelt. Die freimaurerische Gesprächskultur ist nämlich eine nicht-kontroversielle.“

Ob Freimaurer Einfluss auf Politik und Wirtschaft ausüben, wie es oft heißt? „Nein, die Geschäftsmaurerei ist sehr verpönt“, stellt der Wiener klar.

Öffnung nach außen

Rudolf Nagiller selbst profitiert von seiner Mitgliedschaft bei den Freimaurern durch sein persönliches Wachsen. Einem jeden Menschen vorurteilsfrei zu begegnen, sich zurückzunehmen, zuhören und nachzudenken, bevor man spricht, habe er gelernt. „Niemand hat die volle Wahrheit gepachtet und jeder Mensch trägt ein Stückchen Wahrheit in sich. Man muss davon loskommen, den anderen immer überzeugen zu wollen“, unterstreicht der 76-Jährige.

In den vergangenen Jahren öffneten sich die Freimaurer immer mehr der Öffentlichkeit. So wurde vor fünf Jahren eine offizielle österreichische Website erstellt, auf der man sich informieren kann. Auch Vorurteile sollen auf diese Weise abgebaut werden.