Vorarlbergs Selbstbestimmungsrecht

Vorarlberg / 08.12.2019 • 11:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
VN/STEURER
Moritz Moser

Wer die Landesverfassung liest, stolpert rasch über eine bemerkenswerte Formulierung: Vorarlberg, so heißt es dort, sei ein „selbständiger Staat“. Dieses Bestehen auf Selbständigkeit fand vor 100 Jahren nicht zuletzt in der Anschlussbewegung an die Schweiz seinen Ausdruck.

Eigentlich war die Frage, ob Vorarlberg der Schweiz beitreten sollte, mit der Unterzeichnung des Vertrages von St. Germain im September 1919 erledigt – nur wussten das damals nicht alle. Das „Vorarlberger Volksblatt“ erklärte im Dezember dieses Jahres, es gebe „wilde Gerüchte im Land“ und eine „nervöse Aufregung in Wien“. Die Landesregierung hatte von Wien die Zusage erhalten, die Anschlussfrage dem Völkerbund vorzulegen. Was für die Staatsregierung ein strategischer Schachzug war, um die Sache auf die lange Bank zu schieben, wurde im Land ernst genommen. Karl Renner hatte schon bei den Friedensverhandlungen erreicht, dass Vorarlberg nicht in den Katalog der offenen Territorialfragen aufgenommen wurde.

Trotzdem kursierten Gerüchte über eine bevorstehende Unabhängigkeitserklärung. Vorarlberg, so schrieb das Volksblatt mit österreichischer Bescheidenheit, „schien auf kurze Zeit der Pol Mitteleuropas zu sein“. Im Landtag wetterten die Sozialdemokraten am 6. Dezember 1919 gegen weitere Anschlussavancen und verließen den Sitzungssaal. Es folgte ein Warnstreik der Eisenbahner. Die Schweiz ruderte währenddessen zurück: Bundesrat Felix Calonder, der die Anschlussbewegung ursprünglich unterstützt hatte, erklärte nun vor der vereinigten Bundesversammlung in Bern, dass „die Aufnahme Vorarlbergs als Glied der Eidgenossenschaft nur denkbar ist, wenn auch die romanische Schweiz in ihrer Mehrheit sich dafür ausspricht“.

In Vorarlberg agitierte indes die Sozialdemokratie gegen den „Schweizer Imperialismus“. Die Stimmung für die Schweizer Genossen war wesentlich trüber als in Österreich. Jenseits der Grenze werde „mit Berserkerwut alles, was nur im entferntesten nach ,Bolschewismus‘ riecht, niedergeknüppelt“, beklagte die „Vorarlberger Wacht“. Die Schweiz beabsichtige, wenn sich Vorarlberg schon nicht einverleiben lasse, es zu einem Vasallenstaat zu machen. Österreichischer Patriotismus war für die Roten eher kein Beweggrund: Man handle als „echte Deutsche und Kämpfer für die erworbenen Menschenrechte“ und wolle auch deshalb nicht zur Eidgenossenschaft, weil man ein Feind „des Schweizer- und des gesamten Weltkapitalismus“ sei. Tatsächlich erkannte der Völkerbund 1920 das Selbstbestimmungsrecht Vorarlbergs an, allerdings nur für den Fall, dass sich Österreich auflösen sollte.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at