Aufregung um Handicap-Jobs

Vorarlberg / 10.12.2019 • 07:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Anna Fetz fühlt sich wohl bei dem, was sie tut und freut sich über ein eigenes Einkommen. LEBENSHILFE

Sonderbericht der Volksanwaltschaft prangert Taschengeld-Mentalität an.

Schwarzach Im kommenden Jahr steht Österreich eine Prüfung durch den UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderung ins Haus. Gehörige Rüffel sind vorprogrammiert. Davon geht zumindest die Volksanwaltschaft aus, denn der im Vorfeld der Staatenprüfung veröffentlichte Sonderbericht zur Situation von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt beinhaltet wenig Schmeichelhaftes. Die derzeitigen Rahmenbedingungen könnten am besten mit den Worten „unbefriedigend und unzulässig“ beschrieben werden, heißt es in der zehnseitigen Analyse.

Von Sozialhilfe abhängig

Den Unmut schürt einmal mehr die Tatsache, dass noch immer viele Menschen mit Behinderung in Werkstätten beschäftigt sind und dort mit einem monatlichen Taschengeld abgespeist werden, das zwischen 20 und 400 Euro liegt. Damit sind sie von jeder sozialrechtlichen Absicherung ausgeschlossen und am Ende von Sozialhilfe abhängig. Auch die im Arbeitsrecht verankerte Qualifizierung als „nicht erwerbsfähig“ bei Menschen mit einer Leistungsfähigkeit unter 50 Prozent kommt nicht gut an, weil ihnen damit Ansprüche auf Leistungen des AMS verwehrt bleiben.

In Vorarlberg ticken die Uhren zumindest ein bisschen anders. Hier gibt es einen sogenannten integrativen Arbeitsmarkt, der Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf die Möglichkeit auf ein eigenes Einkommen bietet.  Die meisten dieser Arbeitsplätze koordiniert der „Spagat“, eine Einrichtung des Instituts für Sozialdienste (IfS). Derzeit werden 303 Klienten betreut. Für Bereichsleiterin Karin Stefanzel wäre die Abschaffung des Taschengelds ein wichtiger Schritt in Richtung einer echten Inklusion. In kleinerem Umfang gibt es integrative Arbeitsplätze auch bei der Caritas und Lebenshilfe, die ebenfalls die Forderung nach „Gehalt statt Taschengeld“ vertreten. „Eine angemessene Entlohnung für die erbrachte Leistung sollte, wie für alle Erwachsenen, üblich sein“, meint etwa Lebenshilfe-Geschäftsführerin Michaela Wagner-Braito.

Funktionierendes Beispiel

Dass es funktioniert zeigt das Beispiel von Anna Fetz. Sie arbeitet im Café Cappuccino im Dornbirner Messepark. Christoph Maurer und sein Team ermöglichen seit Jahren Menschen mit Behinderung einen integrativen Arbeitsplatz. „Ihre Arbeit ist genauso wichtig wie die der anderen, und dafür bekommen sie ein entsprechendes Gehalt“, sagt der Geschäftsführer. Für Anna Fetz ist, wie für die meisten Menschen mit Beeinträchtigung, eine 50-Prozent-Anstellung das, was an Arbeitszeit möglich ist. „Vier Stunden am Tag passen gut, mehr wäre mir etwas zu viel. Mir gefällt alles, und jetzt bekomme ich auch ein richtiges Gehalt“, freut sich die 33-jährige Dornbirnerin, die von der Lebenshilfe begleitet wird.

Förderndes Umfeld

Laut Karin Stefanzel braucht es ein Umfeld, das diese Menschen fördert. Viele würden oft auch deshalb in Werkstätten bleiben, weil sie ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Aber: Einmal drinnen, schaffen es nur die wenigsten wieder heraus. „Deshalb sind wir froh, bereits eineinhalb Jahre vor Schulschluss mit der Zukunftsplanung unserer Klienten beginnen zu können“, betont Stefanzel die gute Zusammenarbeit mit den Schulen. Ebenso berichtet sie von einer hohen Kooperationsbereitschaft der Betriebe. Durch Integration passiere viel an Entwicklung bei Menschen mit Behinderung, merkt sie noch an. Elisabeth Tschann, Leiterin der Integrationshilfe im Amt der Landesregierung, spricht sich ebenfalls dafür aus, Schulabgänger mit Behinderung möglichst rasch auf einen integrativen Arbeitsplatz zu bringen, betont aber gleichzeitig, dass es verschiedene Möglichkeiten geben müsse.  Sie befürwortet jedoch die Abschaffung der Taschengeld-Struktur, denn: „Arbeit ist der wichtigste Faktor für Teilhabe.“ Allein kann das Land die Taschengeld-Problematik allerdings nicht lösen. Die ist nämlich Bundessache.