Landesveterinär Norbert Greber will genaue Untersuchung des Bludenzer TBC-Verdachtsfalls

Vorarlberg / 12.12.2019 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Verdachtsfälle auf Rinder-TBC halten Landesveterinär Norbert Greber derzeit ordentlich auf Trab. VN/HARTINGER

Norbert Greber glaubt, dass der Erreger im Bludenzer Stall schon längere Zeit vorhanden war.

Bregenz Vor dem Hintergrund der aktuellen TBC-Problematik mit der Tötung von Dutzenden Tieren eines großen Landwirtschaftsbetriebs verlangt der Landesveterinär eine saubere Aufarbeitung des Falles. Dies geschehe mit den Experten der Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) und des Ministeriums. Erst danach könne über eine Strategieänderung bei der Bekämpfung des Problems nachgedacht werden.

Die jüngsten zwei TBC-Fälle in Nüziders und Bludenz hatten eine dramatische Dimension. Muss man sich bei den Schutzmaßnahmen nicht eine neue Strategie überlegen?

Der aktuelle Fall ist in Arbeit, ich schaue nicht in der Vergangenheitsform auf ihn zurück. Daher ist es noch viel zu früh, um schon eine Strategieänderung zu diskutieren. Zuerst werden die Fälle sauber aufgearbeitet, dann kann die Strategie diskutiert werden. Hierbei bin ich in engem Kontakt mit den Kollegen im Ministerium und in der AGES.

Was spricht dafür, dass die aufgetretenen Infektionen in Nüziders und in Bludenz von Tieren ausgingen, die den Erreger schon länger in sich trugen?

Von der Befundlage ist davon auszugehen. Und wenn der Erreger länger im Bestand war, spricht das gegen eine akute Änderung der Strategie. Die möglichen „Fehler“ sind dann irgendwann in der Vergangenheit gemacht worden.

Müsste man jetzt nicht alle Tiere untersuchen, die jemals auf einer Alpe waren? Also nicht nur jene, die sich im letzten Sommer dort befanden?

Die Kundmachung des Ministeriums ist auf unseren Wunsch hin heuer so verfasst worden, dass wir in Sonderüberwachungsgebieten, wo normal nur die gealpten Tiere untersucht werden, auch die Kühe des Bestandes, sprich Tiere, die im vergangenen Sommer nicht auf der Alpe waren, untersuchen können. Natürlich machen wir von dieser Option Gebrauch, wo wir es für sinnvoll halten. Zu sagen, jetzt muss einfach alles untersucht werden, ist der falsche Ansatz. Optimaler risikobasierter Ansatz ist die richtige Strategie.

Viel ist derzeit die Rede von einer Herausforderung für die Forschung, nämlich dass man die Genetik der verschiedenen Erregertypen feststellt. Wie realistisch ist das?

Die Hoffnung, weitere Erkenntnisse zu gewinnen, beruht auf dem sogenannten „whole genom sequenzing“. Das heißt: Durch die Entschlüsselung des Genoms des aktuellen Stammes und der Analyse anderer Stämme aus der Vergangenheit lassen sich Schlüsse auf die Verwandtschaft der Stämme und damit auch auf die Übertragung ziehen. Das würde unsere Kenntnisse zur Übertragung verbessern und führt so zu besseren Ansätzen für die Prävention. Leider sind die Untersuchungskapazitäten knapp. Ich habe die Untersuchung des aktuellen Falles aber beantragt. Die AGES kümmert sich aktuell darum, das umzusetzen. Mit Ergebnissen ist aber erst in Monaten zu rechnen.

Gäbe es bei uns die Ressourcen, die Tests noch weiter auszudehnen? Wie viel Fachpersonal ist derzeit im Einsatz?

Wir arbeiten derzeit aktuell mit 20 beauftragten Tierärzten zusammen. Mehr haben wir nicht, und mehr brauchen wir auch nicht.

 Wie wird mit dem TBC-Problem in den Nachbarregionen Vorarlbergs umgegangen?

Etwas gelassener als bei uns. Es gibt auch in Tirol und im Allgäu Verdachtsfälle, aber die werden nicht in dem Ausmaß medial breitgetreten wie bei uns.

Gibt es international eine Region, die wir als Vorbild für den Umgang mit Rinder-TBC kopieren sollten?

Ja, Irland. Dort gab es im Jahr 2018 laut Weltorganisation für Tiergesundheit 3793 Ausbrüche von TBC, 16.987 Fälle bei Rindern und 18.570 Tötungen von Rindern. Es gab aber keine negative Berichterstattung, und irische Butter wird sogar in den Regalen der Vorarlberger Supermärkte verkauft.

Ab welcher Größenordnung bei notwendigen Tötungen von Tieren sehen Sie eine Gefahr für die Landwirtschaft im Gesamten?

In Vorarlberg werden jährlich über 8000 Rinder und 7500 Kälber geschlachtet. Auch wenn es für den betroffenen Bauern schlimm ist, ein Problem für die Landwirtschaft entsteht angesichts dieser Zahlen nicht. Ein Problem wäre allenfalls ein Ausufern der TBC. Wir hätten dann viele betroffene Betriebe. In einem solchen Fall kann der Region der Status TBC-frei aberkannt werden. Das hätte dann negative Auswirkungen auf das Exportgeschäft.