Stüttler: „Frohe Botschaft“ am eigenen Leib erfahren

Vorarlberg / 14.12.2019 • 14:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Elmar Stüttlers Werk ist ein Stück gelebtes Gottvertrauen. Tischlein deck dich/Sams

Zum dritten Advent: Elmar Stüttler – Macher, aber mit Gottes Hilfe.

Schwarzach Der lateinische Name des dritten Adventsonntags lacht ihm geradezu aus den Augen: „Gaudete“ bedeutet „Freut Euch!“ Und Elmar Stüttler trägt zwar sein Headset im Ohr und sein Handy am Mann wie ein schwer gestresster Manager, er hat einen Lieferwagen vor der Tür geparkt und wird in einer halben Stunde kistenweise Lebensmittel von der Ladefläche wuchten … aber er strahlt. „Das ist einer der ermutigendsten Texte der ganzen Bibel!“ Stüttler kann sich am 35. Kapitel im Buch Jesaja gar nicht satt lesen.

Hände stark machen

Ganz poetisch steht da die Steppe soll jubeln und blühen, „Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet Euch nicht!“ und „Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest!“ Solche Sätze liebt er. Denn den Mut verlieren, das ist viel schlimmer als alles andere. Stüttler weiß das aus eigener Erfahrung. Er war auch schon mal am Ende. Krank, depressiv, medikamentensüchtig. Heute ist er überzeugt: Ohne seinen Glauben und den helfenden Gott wäre er nicht mehr aufgestanden.

Elmar Stüttler (67) hat als Tischler angefangen. In Tschagguns hatte er eine kleine Werkstatt. Aber 1980 wurde ihm die Zufahrt untersagt, er musste schließen. Ein Bauplatz fand sich nicht. Also machte er sein Hobby zum Beruf: „Ich habe Tanzmusik gespielt.“ Das tat er sechs Jahre lang. Eines Abends lernte er einen Schweizer kennen, der ihn ermutigte, noch einmal nach einem Baugrund zu suchen. Und siehe da: Im Tschaggunser Ortszentrum wurde Stüttler fündig. Mit seinem Bruder gemeinsam plante er, eine Tischlerei und eine Bäckerei einzurichten. Aber woher die drei Millionen Schilling nehmen? Der Schweizer streckte ihm das Geld vor. Einfach so. Ohne Zinsen, ohne Bedingungen. „Du zahlst es mir zurück, wenn du kannst“, sagte er.

Elmar Stüttlers Leben hält noch mehr solcher Geschichten bereit. Sie alle werden in ihm lebendig, wenn er so fantastische Bilder liest wie bei Jesaja: Blinde können wieder sehen, Taube wieder hören, „dann springt der Lahme wie ein Hirsch“.

Stüttler war als Tischler sehr erfolgreich. „Da wurde mir das Geld immer wichtiger.“ Stets musste es der neueste Mercedes sein, teure Urlaube gehörten dazu. Dann trieb ihn seine Gier „in ein Riesenloch“. Stüttler wurde depressiv, hatte zwar scheinbar keine Sorgen. Die Schulden waren abbezahlt, materiell war er gut versorgt und saß doch weinend auf dem Boden und sagte: „Ich will nicht mehr.“ Da fing er eines Tages an, am Morgen fünf Minuten lang zu beten. Das tat ihm gut, legte sich wie Balsam auf die verletzte Seele und wurde zur Gewohnheit. „1996 war ich von den Tabletten weg.“ Stüttler fühlte sich so getragen, dass er etwas zurückgeben wollte. Er studierte Theologie, wurde 2000 zum Diakon geweiht. 2004 stieß er im Fernsehen auf einen Bericht über die Münchner Tafel. „Da wusste ich, was ich zu tun habe.“

Längst hat er seine Tischlerei verkauft. Seit 2005 führt Elmar Stüttler zusammen mit seiner Frau Margit den Verein Tischlein deck dich. Dahinter stehen 300 Mitarbeiter, zehn Angestellte. Zehn Kühlautos und ein Lkw verteilen jede Woche 25 bis 40 Tonnen Lebensmittel an Bedürftige. Tischlein deck dich ist inzwischen der größte Lieferant des Sozialmarkts Österreich. Soma-Sozialmärkte stehen in allen Bundesländern. Immer geht es darum, denen den Tisch zu decken, die sich das selber nicht leisten könnten. 2011 wurde Stüttler dafür mit dem Russ-Preis ausgezeichnet.

Das Nötigste: In den Augen Stüttlers sind das nicht einmal die materiellen Gaben. Der Diakon und seine Frau haben selbst jahrelang von den Lebensmitteln nahe am Ablaufdatum gegessen. „Das war eine wunderbare Zeit.“ Viel bedeutender aber erscheint ihm heute das seelische Wohl. Stüttler weiß, wenn er in die Augen der Menschen schaut, wie schwer die psychischen Probleme wiegen. Er sieht überarbeitete Eltern und Schlüsselkinder, so wenig Dankbarkeit und so viel Gier. Dass ausgerechnet die reiche Schweiz weltweit am meisten Psychiater pro Kopf hat, spricht Bände. Welches Erfolgsrezept hat so einer wie Elmar Stüttler? Da kramt er ein altmodisches Wort hervor und stellt es mit fester Stimme in den Raum: Gottvertrauen.

Uralte Sätze neu gelesen

Die Bibel ist dick. Sie hat je nach Ausgabe fast 2000 Seiten. Für jeden Tag des Jahres holt die Kirche Texte daraus hervor: Für die Lesung, das Evangelium, einen Psalm, ein Gebet. Aber wer versteht das schon? Die Texte sind uralt. Sprechen sie auch außerhalb geweihter Räume? Was sagen sie? In unserer Serie zum Advent haben wir heuer fünf Toni-Russ-Preis-Trägern die Texte der Sonntage mit der Bitte um Auskunft vorgelegt: Was klingt da in Ihnen an?