Firmen zahlen, statt Menschen mit Handicaps einzustellen

Vorarlberg / 27.12.2019 • 07:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Auch die Infrastruktur muss in einem Betrieb stimmen, wenn Menschen mit Behinderung angestellt werden. <span class="copyright">Adobe Stock</span>
Auch die Infrastruktur muss in einem Betrieb stimmen, wenn Menschen mit Behinderung angestellt werden. Adobe Stock

Über sieben Millionen Euro wurden an Ausgleichstaxe vorgeschrieben.

Bregenz Unternehmen kaufen sich lieber frei, als Menschen mit Behinderung einzustellen: Das ist ein immer noch oft gehörter Satz. Tatsächlich hat sich an der Situation im Land nicht viel geändert, wie die aktuellen Zahlen des Sozialministeriumservice belegen. 2017 – die Vorschreibungen erfolgen jeweils im Nachhinein – erfüllten gerade einmal 274 von 1005 einstellpflichtigen Firmen ihre Beschäftigungspflicht, 731 blieben säumig. Dafür wurden sie mit 7,2 Millionen Euro an Ausgleichstaxe zur Kasse gebeten. Das ist geringfügig mehr als in den Jahren davor. Dass sich bei diesem Thema kaum etwas zum Positiven bewegt, stört auch die für Integration zuständige Landesrätin Martina Rüscher. „Inklusive Arbeitsplätze zu forcieren liegt in unserer Verantwortung“, betonte Rüscher auf VN-Nachfrage und kündigte gleichzeitig eine Aufklärungsoffensive an. Derzeit fehle es an gebündelten Informationen. Als Ziel für 2020 formuliert Rüscher die Einrichtung einer gemeinsamen Webseite für alle Nutzer.   

Mehr oder weniger Stillstand

Mehr Menschen mit Behinderung auf dem regulären Arbeitsmarkt unterzubringen ist nicht nur vorrangiges Anliegen von Einrichtungen, die damit zu tun haben. „Im Sinne einer inklusiven Region, zu der Vorarlberg werden soll, muss es auch in unserem Interesse liegen, hier etwas zu bewegen“, sagt Martina Rüscher. Momentan herrscht auf dieser Ebene jedoch mehr oder weniger Stillstand. Bekanntlich müssen Firmen mit 25 Mitarbeitern einen begünstigten Menschen mit Handicap anstellen, bei 50 sind es zwei, bei 75 drei und so weiter. Als begünstigt zählen Menschen ab einem Behinderungsgrad von 50 Prozent. Dienstgeber, welche die Quote nicht erfüllen, müssen monatlich 267 Euro für jede Person bezahlen, die zu beschäftigten wäre. Bei Betrieben mit 100 und mehr Mitarbeitern erhöht sich die Summe auf 375 Euro, bei Betrieben mit 400 oder mehr Beschäftigten sind es dann schon monatlich 398 Euro, die an Ausgleichstaxe zu berappen sind. Die Beträge werden durch Verordnung des Sozialministeriums jährlich angepasst.

Im vergangenen Jahr gab es 5185 begünstigte Behinderte. Diesen standen 1005 einstellpflichtige Dienstgeber gegenüber, von denen 274 ihrer Verpflichtung zur Einstellung eines gehandicapten Menschen nachkamen. Mit Ende 2018 waren 2621 Menschen mit Behinderung erwerbstätig. Das entspricht einem Anteil von 36,7 Prozent. Mit der Einstellquote von 27,26 Prozent liegt Vorarlberg hinter Kärnten (29,68 Prozent) und Oberösterreich (28,38 Prozent) an dritter Stelle. Bundesweit schrieb der Staat an Ausgleichstaxe 155 Millionen Euro vor. Das Geld geht in einen Fonds und wird zweckgewidmet für die Integration von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt verwendet.

Kompakte Infos fehlen

Für Integrationslandesrätin Martina Rüscher braucht es konkrete Maßnahmen, um die Situation zu verbessern. Sie glaubt, dass viele Unternehmen nur deshalb Strafe zahlen, weil sie nicht wissen, wie sie begünstigte Behinderte für einen Arbeitsplatz rekrutieren können. „Jede Organisation, die mit dieser Thematik zu tun hat, wie Wirtschaftskammer oder Arbeiterkammer, informiert auf ihrer jeweiligen Webseite“, bemängelt sie das Fehlen von Erläuterungen für Dienstgeber und Dienstnehmer in kompakter Form unter einer Webadresse. Deshalb möchte sie eine gemeinsame Webseite auf den Weg bringen, die beide Nutzergruppen erreicht und die unter anderem eine Datenbank enthalten soll, in der Menschen mit Behinderung Blindbewerbungen einreichen und sich mit ihren Stärken vorstellen können. Damit will Rüscher das offenbar in diesem Bereich immer noch vorhandene Informationsdefizit minimieren.