Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Katholische Minderheit

Vorarlberg / 18.01.2020 • 06:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Atemberaubend, wie die Kirche allmählich untergeht und einige Politiker den Raum ausfüllen, der frei wird. Das verheißt nichts Gutes. Doch eines nach dem anderen: In Wien ist nur noch ein Drittel katholisch. Österreichweit sind es 58 Prozent. Ein Grund: Zuwanderung. Ein weiterer, ebenso wichtiger Grund: Die Kirche verliert Mitglieder. Hält der Trend an, gibt es spätestens heuer erstmals weniger als fünf Millionen Katholiken. Zur Jahrtausendwende sind es noch knapp sechs Millionen gewesen.

„An die Stelle der Kirche treten Politiker, die mir nichts, dir nichts über Religionsgemeinschaften drüberfahren.“

Der Anteil der Messbesucher an der Gesamtbevölkerung hat sich seither auf fünfeinhalb Prozent halbiert. Für die Kirche bedeutet das, dass 94,5 Prozent nicht einmal am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, das sie ermöglicht. Das ist ein entscheidender Punkt: Hier geht es um soziale Kontakte und auch Leistungen, genauso wie um eine sinnstiftende Wertevermittlung. Von der katholischen Kirche gibt es das nur noch für eine Minderheit.

Selbstverständlich kann man jetzt einwenden, dass es auch andere Konfessionen gibt oder dass auch konfessionslose Menschen sehr gut und vernünftig sein können. Das ist korrekt. Aus der Sicht der Kirche ist das jedoch ein schwacher Trost. Und überhaupt.

Wer verliert

Die Kirche ist auch kein politischer Faktor im weitesten Sinne mehr. Das ist einerseits halb so schlimm, wenn man bedenkt, dass sie selbst in Gleichstellungsfragen so ziemlich am weitesten zurückliegt. Ja, dass sie möglicherweise erst davor steht, Frauen zum Diakonat (nicht zum Priesteramt!) zuzulassen und dass sie das schon als historische Errungenschaft feiern würde. Was vor 50 Jahren vielleicht noch durchgegangen wäre. Aber heute? Vergessen Sie‘s! Wie auch immer: Was man nicht vergessen sollte, ist, dass Kirche viel mehr ist. Caritas und Lobby für die, die keine Stimme haben, zum Beispiel. Mit ihr verliert auch das an Gewicht.

Und wer gewinnt

Was folgt, ist nicht besser. Im Gegenteil. Das kann einem nicht egal sein, selbst wenn man die Kirche verachtet: An ihre Stelle treten rechtspopulistische Politiker, die vorgeben, wahre Werte zu kennen und die denn auch mir nichts, dir nichts über Religionsgemeinschaften drüberfahren. Im vergangenen Jahr litt die evangelische Kirche darunter, als ihr der Karfreitag gestrichen wurde. Ansonsten geht es gegen Muslime. Radikalisierungen soll es demnach ausschließlich bei ihnen geben und Zwänge, wie jenen zum Kopftuch, sowieso. Was in dieser Verallgemeinerung natürlich absurd ist. Aber darum geht es nicht: Muslime werden unter Generalverdacht gestellt. Die simple Botschaft ist laut dem Pastoraltheologen Paul Zulehner folgende: „Wir wollen euch nicht im Land!“

Wenn das Schule macht, könnten morgen linkspopulistische Politiker daherkommen und so ähnlich auch mit Katholiken verfahren. Weil der Umgang ihrer Kirche mit Frauen auch nicht gerade auf der Höhe der Zeit ist und so. Aber das ist eine andere Geschichte. Sie soll nur verdeutlichen, worum es geht.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.