Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Leberkässemmel und Cola

Vorarlberg / 28.01.2020 • 11:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ich wusste, der Mann war zum Sterben krank, und ich wollte ihn besuchen. Was würde ich mit ihm reden? Würde er mit mir reden?
Er richtete sich mühsam aus seinem Kissen auf und gab mir seine heiße Hand. Gleich kam die Schwester, mich zu ermahnen, der Mann dürfe nicht überanstrengt werden. Da sagte der Mann: „Ich will mich überanstrengen.“
Er tat so, als wäre er heiter, oder war er wirklich heiter, was wusste ich schon. Nichts.

„Erst einmal die frische, weiche, nicht die knusprige Semmel, sondern die weiche, dazu der scharfe Leberkäs.“

Ich setzte mich auf den untersten Rand des Bettes und der Mann bedeutete mir näherzukommen, so in seine Mitte. Ich sah die scharfen Bügelfalten auf seinem Spitalshemd. Seine Haare klebten ihm am Kopf. Er war sehr mager geworden. Er redete erstaunlich klar, und wieder erschien die Schwester, mich zu mahnen.

Der Mann sagte zu ihr: „Tun Sie das nicht. Lassen Sie uns.“
Sie schlich aus dem Zimmer.

„Was hast du heute gegessen?“, fragte mich der Mann.

Ich sagte: „Noch nichts“, was nicht stimmte, aber es schien mir unangebracht, von dem köstlichen Scheiterhaufen zu erzählen, den mein Mann gemacht hatte.

„Wann war dein letzter Leberkässemmel mit Cola?“, fragte der Mann.
Ich lachte und sagte: „Lange her, kann mich gar nicht mehr erinnern.“

„Es kommt darauf an, wo du ihn kaufst“, sagte der Mann, „die Unterschiede sind eine Katastrophe.“

„Eine Katastrophe“, wiederholte ich dümmlich und dachte: „Wo steht der Mann in der Reihe, der wievielte ist er, wann kommt er dran, wann steht er vor dem Himmelstor?“

„Beim Mathis gibt es die besten“, sagte ich. „Erst einmal die frische, weiche, nicht die knusprige Semmel, sondern die weiche, dazu der scharfe Leberkäs.“

„Mit Peperoni“, sagte der Mann.

„Genau, mit Peperoni, und sehr heiß.“

Zum dritten Mal erschien die Schwester, es war nicht dieselbe, eine ähnliche, die mich darauf hinwies, es wäre an der Zeit zu gehen.

Der Mann sank in sein Kissen zurück und sah mir nach.

Eine Woche später raffte ich mich wieder auf. Zuerst fuhr ich mit dem Fahrrad zum Mathis und kaufte zwei Leberkässemmeln (sie waren in Silberpapier eingewickelt) und zwei Colas. Ich überlegte, eine dem Mann mitzubringen, die andere mit ihm zu essen. Das war natürlich Unsinn.

Ich stellte mein Rad in den Keller und aß meine Leberkässemmel im Stehen, trank dazu die Cola. Ich zog bessere Schuhe an, den langen schwarzen Sonntagsmantel (zu dem ich immer noch Sonntagsmantel sage, weil er der Beste ist – ich habe ihn seit zweiunddreißig Jahren). Ich packte die Semmel für den Mann in ein Zellophan, die Cola dazu, band eine Schleife. Es sah aus wie ein Geschenk, das man nicht essen kann.

Leise öffnete ich die Krankenzimmertür. Der Mann schlief, ich stellte mein Geschenk auf sein Tischchen und verschwand.

Wenn der Mann nun sein Ziel verschläft?

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.