Schuldenberater Peter Kopf: Sozialarbeit soll wirken

Vorarlberg / 05.02.2020 • 06:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Peter Kopf wird bald viel Zeit haben, um seiner Leidenschaft, dem Weitwandern zu frönen. VN/LERCH

Im VN-Interview erzählt er von Geld, Häuslebauer-Mentalität und Nudelfamilien.

Bregenz Mit Peter Kopf geht Ende Februar eine Institution der IfS-Schuldenberatung in Pension. Nicht weniger als 30 Jahre lang leitete er die Einrichtung und erlebte tagtäglich, was es bedeuten kann, kein Geld mehr zu haben. Seine Erlebnisse hat der Harder auch in einer „Zeitreise“ zusammengefasst, die als Druckwerk aufliegt und auf der IfS-Webseite aufgerufen werden kann.

Was bedeutet Geld für Sie?

Kopf Geld ist ein wichtiges Mittel, um am Leben teilzuhaben. Geld ist mit viel Gefühl verbunden, aber Geld ist natürlich auch etwas, das Menschen ins Unglück stürzen kann. Geld wird eigentlich durch die Menschen gemacht und geprägt

Wie ist es, wenn Leute kein mehr Geld haben?

Kopf Man fühlt sehr stark mit den Klienten, weil man deren Haushaltspläne sieht und weiß, wo ihre Grenzen sind. Wenn es am Geld für die Skiwoche für die Kinder fehlt oder es geht sich die Miete nicht mehr aus oder ein wichtiges Medikament kann nicht mehr gekauft werden, ist das schon sehr eindrücklich. Ein Klient sagte einmal zu mir: „Wissen Sie Herr Kopf, wir sind eigentlich eine Nudelfamilie.“ Spätestens dann weiß man, wo jemand steht, der kein Geld mehr hat.

Hinterfragt man in diesem Job auch den eigenen Umgang mit Geld?

Kopf Fragen Sie meine Frau (lacht). Ja, das tut man sehr wohl. Man weiß, dass das Geld begrenzt ist, und man weiß, wie schnell es gehen kann, dass keines mehr vorhanden ist. Man muss nur darauf achten, nicht geizig zu werden, weil sonst wird die Sache auch für das eigene Leben schwierig. Aber natürlich ist man als Schuldenberater immer ein Mahner im Sinne des richtigen und vernünftigen Umgangs mit der begrenzten Ressource Geld.

Was bedeutet vernünftig?

Kopf Die einfache Regel ist: Das, was hereinkommt, geht hinaus. Dessen muss man sich bewusst sein, vor allem, wenn das Einkommen oder die Pension gering ist. Es war mir immer ein besonderes Anliegen, über den Finanzführerschein schon jungen Menschen zu vermitteln, dass Geld begrenzt ist und man ständig darauf achten soll, wie man damit umgeht. Früher war das noch relativ einfach. Das, was in der Geldtasche war, wurde ausgegeben. Heute, mit den Karten, schlittern mehr Menschen in den Kontoüberzug und damit in ein sehr teures Kreditproblem.

Wie wichtig war es, das Angebot einer Schuldenberatung zu schaffen?

Kopf Für uns war es sehr wichtig, weil die eigentlichen Probleme der Klienten oft von Geldsorgen überlagert wurden.  Deshalb waren wir gefordert, dieses Problem in den Fokus zu nehmen, damit die nächsten Probleme bearbeitet werden konnten.

Warum hat Sie das Thema interessiert?

Kopf Ich persönlich bin ein Zahlenmensch. Ich weiß beispielsweise genau, dass ich am 1. Februar 360 Monate bei der Schuldenberatung bin. Mir war aber auch bewusst, dass mit der Schuldenberatung sehr konkret und direkt geholfen werden kann. Meine Intention war: Sozialarbeit soll wirken, es soll für die Menschen spürbar sein, was sich durch Beratung verändert.

Ist die Häuslebauer-Mentalität ein Schuldentreiber?

Kopf Ja, sie hat in Vorarlberg ein sehr großes Gewicht. Manchmal war es fast zum Verzweifeln, wie sehr sich die Menschen an ihr Haus oder Wohnungseigentum geklammert haben, auch auf die Gefahr hin, dass sie Familie, Beziehung und Gesundheit kaputtmachen.

Früher waren die Jungen, heute sind die Pensionisten in der Schuldenfalle. Was hat sich verändert?

Kopf Stimmt, anfangs waren nur junge Gesichter im Warteraum zu sehen. Im Laufe der Jahre sind die Gesichter älter und die Haarfarben weißer geworden. Der Anteil der Klienten über 60 hat zugenommen. Zum einen sind die Menschen länger aktiv und damit auch aktiver Teil des Wirtschafts- und Kreditlebens, zum anderen gibt es inzwischen auch Scheidungen in höherem Alter. Das führt zu Verwerfungen bei den Finanzen, die fast nicht zu stemmen sind. Ein weiterer Faktor ist, dass bedingt durch die teuren Immobilienpreise und günstigen Kredite langlaufende Darlehen aufgenommen wurden. Da muss man kein großer Rechner sein, um zu verstehen, dass, wer mit 35 einen 40 Jahre laufenden Kredit aufnimmt, die Rückzahlung bis zur Pensionierung nicht schaffen wird. Auch die Altersarmut bei Frauen, die in Pension gehen, wird immer mehr Thema. Teilzeitarbeit, Jahre ohne bezahlte Beschäftigung, das wirkt sich im Alter verheerend aus.

Ist die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, gesunken?

Kopf Nach 32 Jahren Schuldenberatung ist es hoffähiger geworden, eine Beratungsstelle aufzusuchen, von der man weiß, da arbeitet man seriös, da wird zugehört, da wird geholfen, da werden Lösungen gesucht. Diese Hürde ist auch bei älteren Menschen zurückgegangen. Dabei war der Widerstand gegen die Einrichtung einer Schuldenberatung anfangs sehr groß. Mittlerweile ist die Schuldenberatung, und da bin ich stolz darauf, gesellschaftlich und politisch anerkannt.

Welche Meilensteine pflasterten Ihre langjährige Tätigkeit?

Kopf Ein Meilenstein war sicher, dass die Schuldenberatung überhaupt gegründet wurde. Ein Quantensprung war die Einführung des Privatkonkurses. Der nächste Höhepunkt war die Novellierung des Privatkonkurses, sodass jetzt jeder einen Zugang findet, der willens ist, das Problem zu lösen. Dazu kamen die Budgetberatung, das betreute Konto und, fast meine größte Freude, der Vorarlberger Finanzführerschein. Im Laufe der Jahre hat sich außerdem eine gute und konstruktive Zusammenarbeit mit den im Land ansässigen Banken ergeben.

Mit welchem Gefühl verabschieden Sie sich in die Pension?

Kopf Wie immer, wenn man etwas geliebt hat, weint ein Auge, das andere lacht. Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht gerne arbeiten gegangen bin. Natürlich freue ich mich, dass die Verantwortung weniger geworden ist. Ich schlafe besser und sogar ein bisschen länger.